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telepolis vom 15.4.06Im Zweifel für die Angeklagten Peter Nowak Auch nach dem Urteil zum Mord an Hatice Sürücü geht die Instrumentalisierung weiter Am Mittwoch wurde das Urteil in einem Verfahren gesprochen, das schon lange vorher in der öffentlichen Diskussion für Aufsehen gesorgt hatte. Die junge Deutsch-Türkin Hatun Sürücü war im Februar 2005 in Berlin in der Nähe ihrer Wohnung erschossen aufgefunden worden. Schnell fiel der Verdacht auf die Brüder der Frau. Sie sollen im westlichen Lebenswandel ihrer Schwester eine Ehrverletzung für die ganze Familie gesehen haben. Der Mord sei nach dieser Lesart eine kollektiv geplante Bestrafungsaktion (1) gewesen. Das Berliner Landgericht hat jetzt den jüngsten Bruder der Ermordeten, der zur Tatzeit 18 Jahre alt war, zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten verurteilt. Er hatte sich zu der Tat bekannt und betont, dass er sie allein geplant und durchgeführt habe. Die beiden älteren Brüder sind aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. Dagegen hat die Staatsanwaltschaft sogleich Revision angekündigt. Sie ist nach wie vor überzeugt, dass die drei Brüder für den Tod der Schwester verantwortlich sind und der Jüngere nur die ganze Schuld auf sich nimmt, weil er wegen seines Alters nicht mit einer lebenslänglichen Haftstrafe zu rechnen hatte. Damit stützt sich die Anklagebehörde auf die Zeugenaussage einer ehemaligen Freundin eines der Brüder, die auch sagte, eine der älteren Brüder habe Hatun sexuell missbraucht. Die Version der Zeugin konnte letztlich weder bestätigt noch verworfen werden, so dass das Gericht nach dem Grundsatz im "Zweifel für die Angeklagten" zu keinem anderen Urteil kommen konnte. Das hindert diverse Politiker nicht, den Mord an der jungen Frau zur eigenen Profilierung zu nutzen und dabei auch rechtsstaatliche Grundsätze zumindest zu ignorieren. So forderte (2) der Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) die Familie Sürücü auf, aus Deutschland zu verschwinden. Das Verfahren habe aufgezeigt, "dass es sich hier um eine scheinintegrierte Familie gehandelt hat, die offensichtlich mit ihren Wertvorstellungen in Deutschland mit den meisten Familienmitgliedern noch nicht angekommen ist." Dies sei auch im Verhalten der drei Brüder während des Prozesses zum Ausdruck gekommen. "Wenn sie denn wirklich Ehre im Leib hätten, dann sollten sie die Konsequenz ziehen und die Bundesrepublik Deutschland verlassen." Von Gewalt gegen Frauen in urdeutschen Familien scheint der Politiker noch nichts gehört zu haben. Selbst die Grünen, die die Rechtsstaatlichkeit des Urteils hervorheben, vergessen nicht zu erwähnen, dass damit die Rechnung der Familie wahrscheinlich aufgegangen ist. Da werden also nicht nur die beiden Brüder, sondern auch die Eltern indirekt zu Mittätern erklärt, obwohl gerade das gerichtlich nicht beweisbar war, was allerdings auch an mangelnden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft liegen kann. Das Verhalten der Familie Sürücühat hat eine solche Instrumentalisierung allerdings leicht gemacht. Zwar veranstalteten die Eltern im September 2005 sogar eine Pressekonferenz (3), auf der sie beteuerten, von den Plänen ihres jüngsten Sohnes nichts geahnt zu haben. Andererseits blieb gerade die Haltung des Vaters uneindeutig, so dass sich der Eindruck aufdrängte, es ging ihm vor allem darum, sich und seine Familie möglichst vor der Justiz zu schützen. Diese Unklarheiten waren für konservativen Politiker die Bestätigung, dass bestimmte Gruppen nicht integrationsfähig und eine restriktivere Einwanderungspolitik nötig ist. Der schillernde Begriff des Ehrenmord wurde im Kontext des Mordfalls populär. Die Boulevardpresse, die sonst sicher keine Vorreiter für Frauenrechte ist, verbreitete Schreckensszenarien von Parallelgesellschaften. Frauenrechtlerinnen wie Necla Kelik (4), die mit ihrer sicher oft zugespitzten Kritik an den unterdrückerischen Familienstrukturen in einigen Migrantencommunitys eine wichtige Aufklärungsarbeit leistete, wurden plötzlich auch in Kreisen populär, denen sonst das Schicksal junger Frauen mit migrantischem Hintergrund so egal ist, dass sie oft ohne Skrupel bereit sind, diese in das Herkunftsland ihrer Vorfahren abzuschieben (5). So wird auch nach dem Urteil in erster Instanz der Mord an Hatice Sürücü weiterhin politisch ausgeschlachtet. Die genauen Hintergründe hingegen werden sich wahrscheinlich mit letzter Sicherheit nicht aufklären lassen.
LINKS
(1) http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID5429516_REF1_NAV_BA B,00.html (2) http://www.tagesspiegel.de/berlin/nachrichten/63992.asp (3) http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/seite_3/486991.html (4) http://www.br-online.de/kultur/literatur/lesezeichen/20050410/20050410_4 .html (5) http://www.n-tv.de/647186.html |