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telepolis vom 17.11.06Privatisierungspolitik ohne Mehrheit Peter Nowak Nach dreijährigen Auseinandersetzungen wurde die europäische Dienstleistungsrichtlinie verabschiedet, die Privatisierungspolitik ist aber immer mehr in der Kritik Mit großer Mehrheit hat am vergangenen Mittwoch das Europaparlament die Dienstleistungsrichtlinie beschlossen (1). Das hört sich sehr unspektakulär an. Doch bei der Liberalisierung der Dienstleistungen handelt es sich um ein Gesetzeswerk, das seit fast drei Jahren zu heftigen Protesten und sogar zu europäischen Großdemonstrationen in Straßburg geführt (2) geführt hatte. Beobachter gehen davon aus, dass die unpopuläre Richtlinie einen wesentlichen Grund für die Ablehnung der Europäischen Verfassung in Frankreich und den Niederlande im letzten Jahr, darstellte. Unter dem Slogan Bolkestein-Hammer (3) hatte das Gesetzwerk von den Gegnern eine griffige Formel bekommen. Der rechtsliberale niederländische EU-Kommissar für Binnenmarktfragen Frits Bolkestein (4) eignete sich denn auch als bequemes Feindbild für Gewerkschafter und Globalisierungskritiker. Er wollte mit der Absicht, bürokratische Hürden abzubauen, eine weitgehende Deregulierung des Handels mit Dienstleistungen innerhalb der EU durchsetzen. Als Dienstleistungen gelten dabei nicht nur klassische Gewerbe wie Friseure und gastronomische Betriebe, sondern auch die Baubranche und die Informationstechnologie. Für all diese Wirtschaftszweige sollte das Herkunftslandprinzip eingeführt werden, d.h. Unternehmen sollten ihre Leistungen in anderen Mitgliedsländern zu den Bedingungen ihres Heimatlandes anbieten können. Das hätte in der Praxis bedeutet, dass in Zukunft in Frankreich oder Deutschland polnisches oder rumänisches Tarifrecht gegolten hätte, wenn das Unternehmen dort seinen Sitz hätte. Die Angst vor einem Lohndumping auf europäischer Ebene trieb auch die Gewerkschaften auf die Straße. Der von Bolkestein mitverfasste Gesetzestext wurde im Sinne der Kritiker verändert. Vor allem das EU-Parlament baute soziale Standards in den Gesetzentwurf, die teilweise im Laufe des Verfahrens aber wieder geschluckt worden sind. Das besonders kritisierte Herkunftslandprinzip wurde weitgehend eingeschränkt: "Die Mitgliedstaaten haben das Recht", so die Mitteilung des Parlaments, "den Dienstleistungserbringern bestimmte Anforderungen aus Gründen der öffentlichen Ordnung, der öffentlichen Sicherheit, des Umweltschutzes und der öffentlichen Gesundheit aufzuerlegen. Auch dürfen die Mitgliedstaaten ihre Bestimmungen über Beschäftigungsbedingungen, einschließlich derjenigen in Tarifverträgen, anwenden." Die Einschätzungen über das nun verabschiedete Gesetzwerk gehen unter der heterogenen Koalition, die in Straßburg auf die Straße gegangen war, auseinander. Massendemonstrationen gab es dieses Mal nicht mehr. Gewerkschafter (5) heben die Verbesserungen hervor, die das nun beschlossene Gesetz für sie zu einem zwar weiterhin kritisierten, aber akzeptablen Kompromiss macht. Viele linke Kritiker sehen allerdings in dem Gesetz eher eine Art "Bolkestein light" (6) und sprechen vom "Verrat am sozialen Europa". Doch der Unmut und die Ängste über die Folgen des nun beschlossenen Gesetzes sind nicht verschwunden. Freiburger Lektionen Erst vor wenigen Tagen wurde in der beschaulichen Universitätsstadt Freiburg deutlich, wie stark das Thema Privatisierung die breite Mehrheit der Bevölkerung beschäftigt. In einem Bürgerentscheid haben sich 70,5 Prozent der Abstimmenden gegen den Verkauf eines Großteils der kommunalen Wohnungen ausgesprochen Der grüne Oberbürgermeister und die CDU wollten mit dem Verkauf den maroden Haushalt sanieren. Obwohl die Befürworter des Verkaufs medial die Oberhand besaßen, war die Abstimmung eindeutig. Dieses Ergebnis dürfte auch für die Debatte in Parteien gewerkschaftlichen und sozialen Bewegungen interessant sein. In der Linkspartie werden sich die Gegner einer Privatisierung (7) um Oskar Lafontaine bestätigt sehen. Sie befinden sich heftig im Clinch mit ostdeutschen Kommunalpolitikern, die beispielsweise in Dresden (8) ebenfalls der Privatisierung von Wohnraum zugestimmt haben. In verschiedenen sozialen Bewegungen wird darüber diskutiert, sich verstärkt auf den Kampf gegen die Privatisierungspolitik zu konzentrieren. Die Einschätzung, dass es sich um ein Thema handelt, das in breiten Teilen der Bevölkerung mehrheitsfähig ist, scheint sich in Freiburg bestätigt zu haben. Schließlich gibt es kaum einen Bereich des täglichen Lebens, der von der Frage der Privatisierung ausgenommen ist. Ob es sich um die Bildung, die Wasserversorgung oder den Nahverkehr handelt, überall stehen die Weichen der offiziellen Politik auf Verkauf und Wettbewerb. Am Beispiel des Postdienstes machten am Mittwoch in Berlin Vertreter der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di die Folgen (9) deutlich. Nach der neunten Marktuntersuchung der Bundesnetzagentur vom April 2006 sind in der Zeit von 1999 bis Ende 2004 ca. 13.000 Arbeitsplätze durch die Liberalisierung des Postmarktes vernichtet worden. Gewachsen hingegen ist der Niedriglohnsektor. Während die Zahl der geringfügig Beschäftigten bei der Deutschen Post AG unter 1% lag, beträgt sie bei den neuen Briefdienstleistern über 60 %. Als besonderes Negativbeispiel nannten die Gewerkschafter den Dienstleister Allgäu Mail (10), der seinen Zustellern einen täglichen Grundlohn von vier Euro zahle. Allerdings lägen die Firmen Jurex (11) und PIN AG (12) mit einem Stundenentgelt von 5,17 bzw. 5,86 Euro auch noch mehr als die Hälfte unter den Stundenlöhnen der Deutschen Post AG, die bei 10,54 lägen. Wegen der Niedriglöhne seien zahlreiche Mitarbeiter privater Briefdienstleister ALG II-Empfänger. Die Liberalisierung des Postmarktes hat in erster Linie zu einem Niedriglohnsektor und zu einer Verschlechterung des Postservices geführt, lautet das Fazit. Die sehr defensiv argumentierenden Gewerkschafter sprachen sich für eine sozial gerechter gestaltete Liberalisierung aus. In Teilen der Basis sind auch kämpferische Töne zu hören. In Stadtteilen, in denen Briefkästen abgebaut und Postämter geschlossen werden sollen, regt sich Widerstand-. Das Beispiel zeigt, dass der Streit um die Privatisierungspolitik in der nächsten Zeit an Schärfe zunehmend dürfte.
LINKS
(1) http://www.europarl.europa.eu/news/expert/infopress_page/056-12653-317-1 1-46-909-20061113IPR12540-13-11-2006-2006-false/default_de.htm (2) http://www.dgb-bw.de/sixcms/detail.php?id=17002 (3) http://www.attac.de/bolkestein/ (4) http://ec.europa.eu/archives/commission_1999_2004/bolkestein/index_nl.ht m (5) http://international.verdi.de/europapolitik/dienstleistungen_im_binnenma rkt/zur_entscheidung_vom_15._november_2006 (6) http://members.aol.com/sozabc/0601121.htm (7) http://www.sozialismus-von-unten.de/lr/artikel_1851.html (8) http://portal.pds-sachsen.de/themen.asp (9) http://presse.verdi.de/download-center/pressemappe/data/Richtlinien_Post dienstleistungen (10) http://www.allgaeu-mail.de (11) http://www.jurex.org/ (12) http://www.pin-ag.de/ |