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telepolis vom 27.11.06Redaktionelle Unabhängigkeit
Peter Nowak
Eine Tagung der Deutschen Journalisten Union in der
Dienstleistungsgewerkschaft ver.di untersucht neue Zensurmechanismen
Ein älterer Mann erschien auf der Tagung der Deutschen
Journalistenunion der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di (1) am
Samstag mit einem Maulkorb vor dem Mund. Es war sein spezieller
Beitrag zum Thema des 20. Journalistentages. Zensor Markt (2) lautete
in diesem Jahr das Thema. Die Ein-Mann-Demonstration war auch die
letzte Reminiszenz an die Zensur alten Stils auf dieser Tagung.
Denn die Veranstaltung widmete sich ansonsten weniger subtilen Mitteln
der Einflussnahme auf die Presse. Wenn selbst renommierte
Zeitungsverleger ganz stolz erklären, dass das Ressort Reisen von der
örtlichen Tourismusbranche gestaltet wird, wenn sich nicht selten der
Eindruck aufdrängt, dass die Texte vor allem der Auflockerung der
Werbeanzeigen dienen, stellt sich schon die Frage, ob da noch eine
eigene Meinung jenseits der Anzeigenabteilung möglich ist.
Das Problem ist nicht neu. Schon Ende der 70er Jahre schasste der
Herausgeber des Magazins Stern, Henry Nannen, seinen damaligen
Kronprinzen Manfred Bissinger, weil der Artikel zu verantworten hatte,
die lukrative Anzeigenkunden verärgerten. Zu dieser Zeit gab es
allerdings noch eine heftige Debatte um die Durchsetzung von
Redaktionsstatuten. Die Journalisten sahen in ihnen Instrumentarien
zur Verteidigung ihrer publizistischen Unabhängigkeit.
Der Leipziger Journalistikprofessor Martin Haller (3) hat in seiner
Zeit als Journalist selber an der Etablierung von Presseräten
mitgewirkt. Heute sieht er deren Rolle nicht ohne Wohlwollen aber mit
einer gewissen Distanz. Schließlich seien sich die Journalisten nie
einig gewesen, so dass am Ende doch der Herausgeber das Heft an der
Hand behalten habe. Die Idee, auf diese Weise die Autonomie der
Journalisten zu stärken, sei ebenso gescheitert wie andere Modelle im
In-und Ausland.
Das Umfeld der Werbeindustrie
Trotzdem sieht Haller auch in Zukunft die Unabhängigkeit des
Journalismus nicht in Gefahr. Schließlich seien nicht nur die
Journalisten, sondern auch die Eigentümer von Zeitungen an der
Glaubwürdigkeit. ihres Mediums interessiert. Selbst die Industrie könne
kein Interesse daran haben, in einer Zeitung zu annoncieren, der der
Ruf vorausgeht, ein Sprachrohr der Wirtschaft zu sein. Dazu aber gehöre
nun mal die Unanhängigkeit der Berichterstattung.
Wie sehr die Medien um ihren Ruf besorgt sind, machte Haller am eigenen
Beispiel deutlich. Er hatte eine von der Universität Leipzig und dem
Institut für Praktische Journalismusforschung in Auftrag gegebene
Studie zur Sicherung redaktioneller Unabhängigkeit in deutschen
Tageszeitungen (4) durchgeführt. Dabei kam der Springer-Konzern so
schlecht weg, dass er den Wissenschaftler verklagte (5). Besonders
die Aussage, dass sich beim Hamburger Abendblatt ein PR-Journalismus
etabliert habe, wollten die Justitiare des Hauses Springer so nicht
stehen lassen. Es kam schließlich zu einem Vergleich. Seitdem habe sich
aber die Berichterstattung des Hamburger Abendblattes verbessert, so
der Befund des Medienbeobachters Haller.
Selbstregulierte Regulierung
Zur Wahrung der inneren Pressefreiheit und der Trennung von PR und
Journalistik setzt die Journalistenunion vor allem auf die
Selbstregulation und Selbstkontrolle. Von der Idee eines
rechtssetzenden Ordnungsstaates müsse man sich endgültig verabschieden,
war man sich einig. Auch der Deutsche Presserat (6) könne nicht die
Rolle eines solchen Kontrollgremiums und Schnellgerichts über die
Medien spielen, betonte Manfred Protze, der ver.di-Vertreter in diesem
Gremium.
Er hatte es nicht einfach, die Arbeit des "zahnlosen Tigers" zu
verteidigen. Schließlich sind seien die Medien nicht einmal
verpflichtet, Ermahnungen und Rügen des Presserats abzudrucken. Zudem
stehe die Diskussion um die Aufgaben des Presserates für Onlinemagazine
noch im Anfang. Die Initiative Bildblog (7) habe mehr zur Beunruhigung
des Springermediums beigetragen, als alle Aktivitäten des Pressevorrats
zusammen, erklärte ein Journalist aus dem Publikum unter Applaus.

LINKS

(1) http://dju.verdi.de/
(2) http://dju.mittelfranken.verdi.de/termine/dju-journalistentag
(3) http://www.uni-leipzig.de/journalistik/haller.php
(4)
http://209.85.135.104/search?q=cache:U87j21l30SQJ:www.mediendisput.de/do
wnloads/Getrennte_Welten.pdf+Haller+Michael+Sicherung+redaktioneller+Una
bh%C3%A4ngigkeit+in+deutschen+Tageszeitungen&hl=de&gl=de&ct=clnk&cd=2
(5)
http://www.taz.de/pt/2005/10/14/a0279.1/text
(6) http://www.presserat.de/
(7) http://www.bildblog.de