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telepolis vom 24.12.06Weniger Nachwuchs, sinkender Wohlstand?
Peter Nowak
Demographie als Politikersatz
Die Deutschen sterben aus, zuvor ist ihr Wohlstand bedroht. Wer ist
daran schuld? Natürlich eine Gesellschaft, die nicht für genügend
Nachwuchs sorgt. Diese Klagen sind nicht neu und wurden oft genug
widerlegt (1). Doch sie werden immer wieder erneuert.
Die jüngsten Kassandrarufe dieser Art konnte man in der Welt, dem
intellektuellen Flaggschiff des Springerkonzerns, lesen: Mit dem Volk
schrumpft der Wohlstand (2). Sie stützt sich dabei auf die kürzlich
vorgelegte Elfte koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung (3) des
Statistischen Bundesamtes (4). Die regelmässig erscheinenden
Materialien der Behörde sind zunächst einmal Daten, die nicht nur
beliebig für diese oder jene politischen Zwecke ausdeutbar sind. Sie
sind auch selber schon interessengeleitet.
Darauf hat ein auch Kommentator (5) hingewiesen. Er warf den
Statiskern vor, die Chance verpasst zu haben, die Daten zur
Bevölkerungsentwicklung endlich einmal neutral und ohne jede Panikmache
darzustellen. Das aber sei die eigentliche Aufgabe des Statistischen
Bundesamtes. Wie schwer hier für Laien die Grenze zwischen neutralen
und interessengeleiteten Daten zu entdecken ist, wird in einem Beispiel
deutlich:
--War etwa in der letzten Vorausberechnung noch die Rede von der
"Differenz zwischen Lebendgeborenen und Gestorbenen", hat man den
technischen Terminus jetzt durch einen griffigeren Begriff ersetzt:
"Geburtendefizit". Die Botschaft zwischen den Zeilen ist klar: Momentan
erfüllen die deutschen Frauen den Sollwert an Geburten nicht. Die
Bevölkerung schrumpft, und das darf wohl nicht sein.--
Dabei hat man in der Wissenschaft (6) und auch in den Medien (7) in
der letzten Zeit die Vorteile einer schrumpfenden Bevölkerung entdeckt.
So kamen mehr als 200 Forscher auf einer Tagung (8) im Schweizerischen
Luzern letztes Jahr zu dem Ergebnis, dass die alternde und abnehmende
Bevölkerung Europas durchaus auch Chancen für das Wachstum (9) birgt:
--Durch vermehrtes Sparen etabliert sich ein tiefes Zinsniveau, welches
Investitionen in Forschung und Entwicklung stimuliert. Eine
schrumpfende Bevölkerung eröffnet zudem die Möglichkeit, Wachstum neu
zu definieren: Von quantitativem zu qualitativem Wachstum. Auch
Unternehmen werden sich vermehrt auf über 55-jährige Arbeitnehmer
stützen. Dies alles führt auch zu einem schonenderen Umgang mit
Ressourcen und Umwelt. Eine Umfrage an der Konferenz ergab denn auch
ein optimistisches Bild für die Zukunft Europas, vor allem hinsichtlich
Umwelt und Wirtschaft.--
Diese gerade begonnene Debatte wird hier mit scheinbar neutralen Daten
der Statistiker abegewürgt, befürchtet der Reporter in der Zeit.
Eliten statt Flüchtlinge
Besonderes Augenmerk wurde dieses Mal auf einen angeblichen
Zusammenhang zwischen Wirtschaftsentwicklung und dem Wachstum der
Bevölkerung gelegt.
--Der Bevölkerungsschwund hat dramatische Folgen für unsere
Wirtschaftskraft. Der Ökonomie drohen Verluste in Billionenhöhe, die
Pro-Kopf-Verschuldung steigt unaufhörlich. Mehr Zuwanderung und eine
höhere Geburtenrate könnten helfen. Aber beides ist nicht in Sicht.--
Mit dem Volk schrumpft der Wohlstand
Nun weiß man nicht, was den überwiegend konservativen Lesern der Welt
mehr Missvergnügen bereitet: die Angst vor dem Aussterben der Deutschen
oder die Aussicht, dass ein Ausweg aus den prognostizierten
wirtschaftlichen Verwerfungen nach Ansicht der Autoren nur durch eine
Masseneinwanderung von Nichtdeutschen aufgehalten werden kann. Dabei
wird doch seit Jahren von den Innenministern der unterschiedlichen
Regierungen alles getan, um die Grenzen möglichst undurchlässig zu
machen. Gerade Medien wie die Welt warnen ja gelegentlich vor den
Scharen von Afrikanern, die angeblich nur darauf warten, nach
Deutschland zu gelangen. Doch die Warnung vor den Flüchtlingsströmen
und das Klagen über eine sinkende Zahl von Zuwanderern sind nur
scheinbar ein Widerspruch.
Der beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (10) arbeitende
Ökonom Axel Plünnecke machte (11) deutlich, wer einreisen und wer
draußen bleiben soll.
--Statt eine Einwanderung in die Sozialsysteme zu befördern, müssen
Eliten ins Land geholt und integriert werden. Schon einmal ist das Ende
des 17. Jahrhunderts gelungen - im Fall der Hugenotten, die in
Frankreich wegen ihres Glaubens verfolgt wurden und technischen
Fortschritt ins Land gebracht haben.--
Da haben allerdings schon vor Jahren die vielzitierten Computerinder
mehrheitlich dankend abgelehnt, als ihnen die Greencard avisiert worden
ist. Daher kommt auch die Klage, dass diese Einwanderung jedenfalls
massenhaft nicht zu erwarten ist. Davon abgesehen wird allein in diesen
Vorstellungen ein im wahrsten Sinne des Wortes reaktionärer
Politikansatz (12) deutlich, wenn auf die Aufnahme der Hugenotten
rekurriert wird, die zu einer Zeit statt fand, als sich die
Nationalstaaten gerade konstituierten. Solche Rezepte sollen dann in
einer Zeit helfen, die von Globalisierung und dem Bedeutungsverlust der
Nationalstaaten geprägt ist. Das zeigt, wie stark die Propagandisten
solcher Vorschläge im nationalstaatlichen Denken befangen sind.
Deswegen scheinen sie auch ganz selbstverständlich davon auszugehen,
dass die Eliten aller Welt den Wohlstand in Deutschland mehren sollen.
Mit einem Blick über den nationalen Tellerrand würde deutlich werden,
dass das Abwerben von so genannten Eliten aus den Ländern der so
genannten 3. Welt zu noch mehr Verelendung bei der dortigen Bevölkerung
führt. Während die wenigen ausgebildeten Akademiker den Wohlstand in
Deutschland erhalten sollen, dürfen die Menschen in deren Heimatländern
weiter an Hunger oder längst heilbaren Krankheiten leiden.

LINKS

(1) http://www.zeit.de/2006/25/Untergang_xml
(2) http://www.welt.de/data/2006/12/18/1149589.html
(3) http://www-ec.destatis.de/csp/shop/sfg/bpm.html
(4) http://www.destatis.de/
(5) http://www.zeit.de/online/2006/45/Demografie-Kommentar
(6)
http://www.innovations-report.de/html/berichte/interdisziplinaere_forsch
ung/bericht-46425.html
(7)
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,443804,00.html
(8) http://idw-online.de/pages/de/event14086
(9)
http://www.european-futurists.org/wEnglisch/Media_Corner/media_releases.
php?navid=44
(10)
http://www.iwkoeln.de
(11) http://www.iwkoeln.de/default.aspx?p=cont&i=18019
(12)
http://www.single-generation.de/kritik/thema_demografische_niedergangssz
enarien.htm