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telepolis vom 29.01.06Bonzen im Schnee
Peter Nowak

Das Welt-Economy-Forum hat es geschafft, wieder zum Medienthema werden.
Die Gegner haben dem wenig entgegen zu setzen.
Eigentlich war das alljährlich Ende Januar in Davos stattfindende
Welt-Economic-Forum (1) in der Schweiz nie so recht beliebt. Das Image
des Wohlfühltreffens mit esoterischem Einschlag für die Reichen und
Mächtigen dieser Welt, wurde das von Klaus Schwab (2) initiierte
Meeting nie ganz los. Als im Zuge des Aufschwungs der
globalisierungskritischen Bewegung zu Beginn des Jahrzehnts auch das
WEF zum Gegenstand von Protesten über die Schweiz hinaus wurde, wollten
die Eidgenossen liebend gerne auf das Stelldichein in Davos verzichten.
Sogar die Geschäftsleute im mondänen Davos betonten, dass sie ohne das
WEF ausgebucht wären und durch die großen Polizeieinsätze mitten in der
Skisaison Einbußen erleiden.
So schien man in der Schweiz richtig erleichtert, als Klaus Schwab im
Jahre 2002 die Elite der Welt erstmals nicht in die Berge, sondern
nach New York einlud. Das sollte ein Zeichen der Solidarität für die
USA nach den Anschlägen vom 11. September sein. Doch die Hoffnungen
vieler WEF-Gegner und der Schweizer Wirtschaft und Politik erfüllten
sich nicht: Das WEF wanderte nicht dauerhaft aus und hat es in den
letzten drei Jahren sogar geschafft, in der Medienöffentlichkeit das
Image des biederen, langweiligen Events abzulegen.
Das fing schon im Jahr 2003 an, als einige handverlesene
Nichtregierungsorganisationen nach Davos eingeladen waren. Zwar hatten
sie erwartungsgemäß nichts mitzubestimmen, aber die gewünschten
Pressemitteilungen gab es. Das WEF öffnet sich, geht auf seine Kritiker
zu und jetzt müssen auch die Gegner nachziehen, hieß es auch in Medien,
die noch einige Jahre vorher dem Davoser Event jede Relevanz
absprachen.
Dieses Jahr setzten die Medienberater von Schwab und Co. die
Öffentlichkeitsoffensive fort und versuchten das aktuelle Motto vom
"kreativen Imperativ" gleich umzusetzen. So wurde mit dem Sänger und
Entschuldungsaktivisten Bono (3) jemand eingeladen, der sich an den
Tischen der Reichen und Mächtigen so richtig wohl fühlt. Hatte er im
Juli bereits beim G8-Treffen in Schottland (4) beim britischen
Premiereminister Tony Blair Sympathien erregt, so gelang es ihn in
Davos ebenfalls, das erlesene Publikum für sich einzunehmen (5).
"Hier sind wir, die Bonzen im Schnee, und ich sage das als einer von
Ihnen", sagte Bono, Leadsänger der irischen Band U2, unter dem
Gelächter des Publikums. "Es ist ein großartiger Ort zum
Geschäftemachen, und wir haben ein Geschäft, über das wir mit Ihnen
sprechen wollen." Danach warb er für Anti-Aids-Programme in Afrika. Das
ist ein Engagement, wie es dem Publikum gefällt. Offen, selbstkritisch
und dann noch scheinbar kreativ. Ob die vollmundigen Versprechungen
umgesetzt werden oder ob es nur bei Absichtserklärungen wie in
Schottland bleibt, wird dann niemand mehr so genau prüfen wollten. Die
Medien interessiert mehr, dass die Reichen und Mächtigen mittlerweile
so offen sind und sogar einen Workshop zu "Sex und Beziehungen" (6) im
Programm haben.
Was sonst noch auf der Agenda des WEF stand, trat hingegen in den
Hintergrund. In den deutschen Medien wurde die Eröffnungsrede (7) von
Bundeskanzlerin Merkel zur Kenntnis genommen. Da sie aber nur ein
Plädoyer war, die soziale Marktwirtschaft neu zu erfinden und zu
internationalisieren, löste sie keine größeren Kontroversen aus. Dass
sich Ex-Präsident Clintion für gemeinsame Schritte in der Klimapolitik
aussprach, konnte ebenso wenig überraschen, wie die Appelle von einer
besseren internationalen Zusammenarbeit.
Die aufstrebenden Märkte in China und Indien standen im Mittelpunkt
vieler Gespräche im kleinen Kreis (8) und auch manche
Geschäftskontakte dürften dort angebahnt worden sein.
Einsame Kritiker
Anders als in den vergangenen Jahren drang die Kritik am WEF kaum noch
in die Öffentlichkeit. Zu den wenigen Ausnahmen gehört der
SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer (9): "Einseitig ausgerichtete
moderne Wirtschaftsideologen bemühten sich dort seit Jahren um schöne
Worte, aber letztlich zielt alles auf Wettbewerb, Wettbewerb,
Wettbewerb, und wenn es noch so ökologisch und sozial in der Praxis
ignorant ist," monierte Scheer (10). Er sah hingegen im
Weltsozialforum in Caracas (11) das interessantere Podium. Die
Weltsozialforumsbewegung ist als Gegeninitiative zum WEF entstanden,
hat aber längst eine Eigendynamik bekommen.
WEF-Gegner in Medienflaute
Auch die organisierten WEF-Kritiker haben es schwerer, sich Gehör zu
verschaffen. Als vor einigen Jahren Blockaden, Demonstranten und ein
riesiges Polizeiaufgebot zum WEF gehörten (12), diskutierte man auch
über die Gründe des Protests. Als durch eine rigide Polizeitaktik
Proteste in Davos nur noch als Kunstaktion (13) möglich waren und sich
die Protestbewegung auf die größeren Städte zu konzentrieren begann
(14), ließ das Interesse schnell nach.
In diesem Jahr gab es im Vorfeld und zum Abschluss des WEFs
Demonstrationen. Am vorletzten Wochenende gab es in zahlreichen
Schweizer Städten kleinere Demonstrationen (15) und am letzten
Samstag konzentrierte man sich auf eine zentrale Demonstration in
Basel (16) und einige öffentlichkeitswirksame Kleinaktionen. Doch
der Tenor der Medienberichterstattung ist längst dazu übergegangen, die
Kritiker als schrumpfende Gruppe darzustellen, die an alten Ritualen
festhält.
Dazu trägt sicherlich auch bei, dass unter den Gegnern manche
holzschnittartige Argumentenmuster verbreitet sind. Die Vorstellung,
dass in Davos einige Mächtige die Geschicke der ganzen Welt planen,
kann beispielsweise unter die Rubrik verkürzte Kapitalismuskritik
verbucht werden. Die Kritiker werden sich in den nächsten Jahren was
einfallen müssen, um die öffentliche Debatte wieder stärker zu
bestimmen. Sexkurse und Bono-Auftritte müssen es aber nun wirklich
nicht sein.

LINKS

(1) http://www.weforum.org/
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Schwab
(3) http://www.u2tour.de/biographie/Bono.php
(4) http://www.telepolis.de/r4/artikel/20/20460/1.html
(5) http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/news/wirtschaft/586201.html
(6) http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/news/vermischtes/586892.html
(7)
http://www.bundesregierung.de/-,413.951975/artikel/Freiheit-fuer-mehr-Wa
chstum.htm
(8)
http://www.swissinfo.org/sde/swissinfo.html?siteSect=111&sid=6409797&cKe
y=1138136103000
(9)
http://www.vorwaerts.de/magazin/artikel.php?artikel=1993&type=2&menuid=3
59&topmenu=3599
(10)
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/462775/
(11) http://www.monde-diplomatique.de/pm/.home
(12) http://www.telepolis.de/r4/artikel/14/14032/1.html
(13)
http://www.baz.ch/news/index.cfm?keyID=02faed07-ac4e-423c-90c2ac226f4b68
0d&startpage=1&ObjectID=022F95DE-1422-0CEF-70D1A26BE0EFF678
(14)
http://www.telepolis.de/r4/artikel/19/19302/1.html
(15) http://www.indymedia.ch/demix/2006/01/37827.shtml
(16) http://www.nzz.ch/2006/01/28/il/newzzEJ02Q837-12.html