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telepolis vom 9.9.06Copycan statt Copywar
Peter Nowak

Ein neues Konzept will die Produzenten von geistigem Eigentum jenseits
von großen Verwertungsgesellschaften unterstützen
Der Kampf um das Copyright ist in vollem Gange. Auf der einen Seite
stehen elektronische Überwachungssysteme und strenge Verfolgung von
Urheberrechtsverstößen. Auf der anderen Seite hat sich eine
Anti-Copyright (1)- bzw. Copyleft (2)-Szene herausgebildet, die das
unentgeltliche Anbieten von Inhalten propagiert. Diese Forderung wird
aber nicht nur von großen Konzernen und ihren Anwaltskanzleien heftig
angegriffen, auch aus gewerkschaftlichen Kreisen kommen massive
Einwände. Die Forderung nach einem Ende des Copyrights sei ein Luxus
von Menschen, die viel Zeit für geistige Betätigung hätten und nicht
gezwungen seien, von den Produkten dieser Betätigung auch leben zu
müssen, heißt es. Unter den heutigen Produktionsbedingungen würde ein
Wegfall des Copyrights massiven Druck auf die Produzenten geistiger
Produkte ausüben, die häufig schon typische Vertreter prekärer
Arbeitsverhältnisse sind. Das heißt, sie werden schlecht entlohnt und
haben keine festen Arbeits- und Urlaubszeiten.
Bei Copycan (3) handelt es sich um einen Dienst zur Veröffentlichung
digitaler Inhalte, die von den Produzenten unter eine freie Lizenz (4)
gestellt und zum Verkauf angeboten werden können. So kann ein Autor,
der sein Buch unter Copycan veröffentlichen möchte, auf die Webseite
eine Leseprobe stellen, sowie den Verkaufspreis und die Nummer eines
Treuhandkontos angeben. Dort kann jeder, der sich für das Buch
interessiert, einen Betrag seiner Wahl überweisen. Sobald die
eingezahlten Beträge den vom Autor geforderten Verkaufspreis erreicht
haben, bekommt er das Geld und das Buch ist für alle frei verfügbar.
Wenn durch die Einzahlungen der anvisierte Betrag nicht erreicht wird,
kann der Autor entweder seine Ansprüche senken oder versuchen, sein
Werk auf andere Weise zu vermarkten. Die bereits eingezahlten Beträge
werden dann zurück erstattet.
Copycan fungiert in dem ganzen Ablauf nur als Treuhänder, nicht aber
als Eigentümer der geistigen Produkte. Die Web-Identität der Autoren
wird verifiziert, das Geld auf den Konten gesammelt und den
Produzenten ausgezahlt. Außerdem wird ein Archiv mit den
unterschiedlichen Arbeiten der Produzenten betreut. Genutzt wird das
Projekt von Produzenten im künstlerischen Bereich wie Musikern und
Autoren. Aber auch zahlreiche Juristen konnten schon für die
Unterstützung des Projekts gewonnen werden. Schließlich wird man sich
auch auf juristische Auseinandersetzungen einstellen müssen, wenn
beispielsweise die von Copycan verwalteten Projekte plötzlich doch
wieder kommerziell veräußert werden.
Noch steckt das Konzept in den Kinderschuhen, so dass reale Erfahrungen
über Probleme und Schwierigkeiten rar sind. Ein Knackpunkt ist der
Datenschutz. Ziel von Copycan ist erklärtermaßen Datensparsamkeit. "Nur
Daten, die wir wirklich brauchen, werden gespeichert, und auch nur so
lange wie nötig." Wenn Käufer ihr Geld zurückbekommen wollen, weil das
Projekt, für das sie bezahlt haben, nicht realisiert wird, kann das
dauern. So sind dann letztlich doch für eine längere Zeit Daten
gespeichert.
Die Mitarbeiter von Copycan sind optimistisch, dass ihr Konzept auch
außerhalb kleiner Kunst- und Internetszenen auf Interesse stößt. Sie
verweisen darauf, dass sowohl die Nutzer wie die Produzenten Vorteile
haben. Die Konsumenten bekommen nicht nur die Werke, die sie selber
bezahlen, sondern auch von anderen freigekaufte Produkte. Die Autoren
können damit wahrscheinlich keine großen Einkünfte erzielen, das Ziel
ist aber schon, dass die Produzenten von ihren Produkten leben können,
ohne mit den bestehenden Verwertungsgesellschaften wie GEMA kooperieren
zu müssen.

LINKS

(1)
http://cramer.plaintext.cc:70/all/anticopyright_in_kuenstlerischen_subku
lturen/anticopyright_in_kuenstlerischen_subkulturen.html
(2)
http://ezines.onb.ac.at:8080/ejournal/pub/ejour-98/essay/copy.html
(3) http://copycan.org
(4) http://www.freie-lizenz.de/