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telepolis vom 17.01.2006 Mehr als neue Gesten? Peter Nowak Ob Merkel für eine Entschröderung der russsich-deutschen Beziehungen sorgt, ist nach ihrem Antrittsbesuch noch offen Nach ihrer Washington-Visite stand am Montag ein Kurzbesuch bei Putin auf Merkels Agenda. Während sie ihre Washington-Visite als Besuch bei Freunden (1) bezeichnete, hat sie in Moskau dem "strategischen Partner" die Aufwartung gemacht. Dabei hat Merkel bei dem Besuch von ihrer Ost-Biographie profitiert. Sie konnte sich in fließendem Russisch mit ihren Gesprächspartnern unterhalten und auf den Dolmetscher verzichten. Allerdings nutzte Merkel ihre russischen Sprachkenntnisse nicht etwa beim Gespräch mit Putin, sondern beim Meeting mit der russischen Zivilgesellschaft, darunter Oppositionellen aus der ehemaligen Sowjetunion in der deutschen Botschaft in Moskau. Unter diesen spätsowjetischen Dissidentengruppen sind besonders die Moskauer Helsinki-Gruppe (2) und Memorial (3) zu nennen. Diese Organisationen haben in etwa den Status ostdeutscher Bürgerrechtler, die zwar für ihre Vergangenheit in Teilen der städtischen Mittelschicht großes Ansehen genießen, bei der breiten Masse aber nicht besonders populär sind und in der realen Politik kaum Einfluss haben. Brisanter war dann schon, dass auch Vertreterinnen der Soldatenmütter an dem Meeting in der Botschaft teilnahmen, die in eindeutiger Opposition zur russischen Tschetschenienpolitik stehen. Die wurde von Merkel beim Besuch mit Putin auch deutlich angesprochen. Interessen statt Sympathien In der Öffentlichkeit wird gerne Merkels Vita bemüht, um ihre besondere Wertschätzung zu erklären, die sie russischen Oppositionellen zuteil werden ließ. Diese Deutung ist in zweifacher Hinsicht fragwürdig. Eine DDR-Sozialisation garantiert allerdings nicht automatisch eine Dissidentenlaufbahn, die Merkel definitiv nicht hatte. Außerdem wird Politik nicht durch Sympathien sondern durch Interessen bestimmt. Genau darum ging es auch beim Merkel-Besuch. Nun ist es bei Staatsbesuchen generell alles andere als ungewöhnlich, wenn neben Politikermeetings auch Treffen mit der Zivilgesellschaft und den Oppositionsparteien auf der Agenda stehen. Doch im Falle Merkels wird schon in der Wortwahl suggeriert, als ob sich in Russland seit 1989 nichts verändert habe und es sich bei den Gruppierungen um fast illegale Dissidentenzirkel handele. Das ist allerdings falsch. Selbst die Soldatenmütter sind in Putins Russland sicher nicht gern gesehen. Aber Probleme, sich im In- und Ausland Gehör zu verschaffen, haben sie nicht. Wenn nun so getan wird, als handele sich bei Merkels Gesprächspartner um Dissidenten und nicht einfach um Oppositionelle, so ist das selber interessengeleitet. Das wird auch bei der Kritik an einer von der Duma beratenen Gesetzesinitiative deutlich, die die Arbeit ausländischer Nichtregierungsorganisationen einschränkt ( Kontrolle der Zivilgesellschaft (4)). Merkel sprach selbst an, dass davon auch die deutsche Botschaft betroffen sein könnte. Nun zählen Botschaften gemeinhin nicht zu den NGOs. Doch wird im Zusammenhang mit dem Regierungswechsel in Georgien und der Ukraine von intensiven Kontakten zwischen westlichen Botschaften und Oppositionsgruppen berichtet. Auch Weißrusslands Staatschef Lukaschenko reagiert zunehmend beunruhigt auf eine auch durch die westlichen Botschaften orchestrierte Kampagne der EU auf seinen autoritären Regierungsstil. Vor diesem Hintergrund sind die Gesetzesverschärfungen in Russland auch Abwehrreaktionen vor einer orangenen Revolution in Moskau. Merkel hat durch ihren Besuch deutlich gemacht, dass die russischen Machthaber mit ihren Befürchtungen bei ihr auf wenig Verständnis stoßen werden. Insofern ist der Begriff der Entschröderung (5), den eine russische Zeitung als Charakterisierung für Merkels Politik gebrauchte, in diesem Punkt nicht ganz falsch. Hier wird sie auch die Zustimmung grüner Menschenrechtspolitiker finden, die Schröders Männerfreundschaft mit Putin zur Verzweiflung brachte. Wirtschaftsbeziehungen im Aufwind Doch Merkel ging mit ihrer neuen Offenheit nur soweit, dass die russischen Machthabern dies nicht als Affront auslegen konnten, wodurch die wirtschaftlichen Beziehungen nachhaltig getrübt könnten. Die Kanzlerin knüpft auf wirtschaftspolitischem Gebiet an die Schröder-Ära an und will die ökonomischen Beziehungen sogar noch ausweiten. So denkt sie auch nicht daran, die umstrittene Gas-Pipeline durch die Ostsee, wie von den baltischen Anrainerstaaten und Polen erhofft, in Frage zu stellen. Vom "gefährlichen Russengas", das beim russisch-ukrainischen Gasstreit ( "Erster Krieg des 21. Jahrhunderts" (6)) auch manche Grüne am liebsten boykottieren wollten, ist bei der Kanzlerin keine Rede. Die Wirtschaftsbeziehungen sorgen so auch für ein Element der Stabilität im russisch-deutschen Verhältnis. Schließlich sind hier beide Seiten aufeinander angewiesen. Die Bewährungsprobe für das russisch-deutsche Verhältnis steht nicht nur mit dem kOnflikt mit Iran noch bevor. Wenn eine neue Krise in der Kaukasus-Region ausbricht, sich der Konflikt zwischen der EU und Weißrussland verschärft oder der Streit ums russische Gas in eine neue Runde geht, wird sich zeigen, wie Ernst es Merkel mit der Entschröderung des deutsch-russischen Verhältnisses über Gesten hinaus in der Praxis wirklich ist.
LINKS
(1) http://www.telepolis.de/r4/artikel/21/21785/1.html (2) http://www.austausch.org/praktika/russland/einsatzstellen/organisationen /16.shtml (3) http://www.memorial.de/uber.html?PHPSESSID=8a66ca9ea2390898642a75636a15e dbe (4) http://www.telepolis.de/r4/artikel/21/21667/1.html (5) http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID5144190_TYP6_THE_NA V_REF1_BAB,00.html (6) http://www.telepolis.de/r4/artikel/21/21702/1.html |