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telepolis vom 28.09.06Beitritt zweiter Klasse Peter Nowak Noch ist die Stimmung in Bulgarien und Rumänien über die Aufnahme in die EU trotz der harten Bedingungen optimistisch, während der Beitritt der Türkei weiter in die Ferne rutscht Die Empfehlungen (1) des EU-Beitrittskommissars Olli Rehn waren keine Überraschung mehr. Bulgarien und Rumänien bekommen grünes Licht, weil man ihnen den Beitritt ja versprochen hatte. Aber sie müssen Auflagen erfüllen, die in der Geschichte der EU noch keinem Beitrittskandidaten abverlangt wurden. So können die Mitgliedsrechte ausgesetzt werden, falls Sofia und Bukarest nicht noch erhebliche Fortschritte bei der Bekämpfung der Korruption, dem Aufbau einer unabhängigen Justiz und der Schaffung funktionierender Behörden machen. Hochrangige EU-Beamte sprechen von den härtesten Klauseln, die je von der EU beschlossen wurden. Die Financial Times bringt den Status auf den Punkt: Es ist ein Beitritt zweiter Klasse (2). Diese Einschätzung stimmt schon deshalb, weil die bisherigen EU-Erweiterungen ohne diese Klauseln auskamen. Mehr noch aber deshalb, weil die von den Neumitgliedern verlangten Kriterien selbst von den EU-Gründungsmitgliedern nicht unbedingt erfüllt werden. Schließlich ist die Korruption im EU-Bereich nicht verschwunden und die Unabhängigkeit der Justiz wurde zumindest unter Berlusconi in Italien von manchen angezweifelt. Das ausgerechnet Bulgariens nicht gerade beliebter Nachbarstaat Griechenland bei der Angabe der Wirtschaftsdaten nicht gerade ehrlich mit den EU-Kriterien umgegangen ist und trotzdem nicht sanktioniert wurde, wird bei den EU-Kritikern im Lande nicht gut ankommen. Noch Hoffnung auf Brüssel Zumindest in den großen Städten aber überwiegt in beiden Ländern zunächst die Freude, überhaupt noch eingelassen zu werden. Auf dem Lande ist in beiden Ländern die Skepsis wesentlich größer. Schon warnen auch EU-freundliche Politiker vor zu großen Illusionen, dass sich der Lebensstandard nach einem Beitritt automatisch erhöht. Zunächst werden die Preise stärker als die Löhne steigen, und vor allem auf dem Lande könnten die EU-Gegner Zulauf bekommen. Die organisieren sich in der Regel in populistischen Bewegungen, die eher dem rechten Lager zuzuordnen sind. Der Grund dafür liegt vor allem darin, dass sich in fast allen osteuropäischen Staaten die transformierten kommunistischen Parteien zu starken Befürwortern der EU-Mitgliedschaft gemausert haben. So wird die gegenwärtige bulgarische Regierung von der Sozialistischen Partei gestellt. Wie schwierig der Prozess der Anpassung an die EU sein kann, zeigte jüngst das Beispiel Ungarn. Das Land galt aus EU-Sicht lange Zeit als Musterschüler. Eine relevante Opposition gegen den schon 2004 der EU beigetretene Land gab es nicht. Doch als der politischen Klasse des Landes deutlich wurde, dass das Land einen harten Sparkurs fahren muss, um die ökonomischen EU-Vorgaben zu entwickeln, brachen die Unruhen aus. Vordergründig ging es um eine sehr offene Rede des gegenwärtigen ungarischen Ministerpräsidenten. Im Hintergrund steht aber die Frage, wie Ungarns Regierung die neoliberalen Vorgaben aus Brüssel einer traditionell an eine Art Sozialstaat gewöhnte ungarische Bevölkerung vermitteln kann ( Yearning for Change (3)). Die Ereignisse der letzten Wochen sind aber für die Regierenden in Brüssel und Bukarest auch ein Menetekel. Machen sie doch deutlich, wie schnell in der Bevölkerung die Stimmung kippen kann, wenn die EU eben nicht mehr nur mit mehr Wohlstand sondern mit einer Sparpolitik, steigenden Preisen und Auflagen verbunden wird. Dieser Umschwang dürfte auch für die EU-Gremien von Interesse sein. Noch werden die Auflagen aus Brüssel von der mehrheitlich EU-freundlichen städtischen Bevölkerung Rumäniens und Bulgariens eher positiv beurteilt. Für Landwirte, deren Produkte unter Umständen nicht in die EU gelassen werden, weil sie Gesundheitszertifikaten der EU nicht entsprechen, sehen solche Auflagen gleich ganz anders aus. Dann finden schon mal Bewegungen Gehör, die die eigene Souveränität durch die EU-Vorgaben bedroht sehen. In allen Beitrittsstaaten existieren solche Bewegungen, sind aber noch in der Minderheit. Türkei weiter im Wartestand In der Türkei haben EU-kritische Stimmen allerdings an Einfluss gewonnen. Das liegt daran, dass sie mit einen schon lange virulenten türkischen Nationalismus korrespondieren, der im Zweifel für alles Böse die EU verantwortlich macht und Brüssel sogar schon beschuldigte, mit Hilfe der kurdischen Nationalbewegung das Land destabilisieren zu wollen. Die Zypernfrage (4) und der Streit um die historische Einordnung der Massaker an den Armeniern sind weitere Streitpunkte zwischen Brüssel und Ankara, die in höchstem Maße national aufgeladen sind. Außerdem haben von einer EU-Anpassung nicht nur ärmere Bevölkerungsschichten etwas zu befürchten. Vielmehr ist es gerade die militärische Elite, die sich nach dem Putsch von 1980 eine für sie günstige Verfassung gezimmert hat und im Zuge der EU-Anpassung Stück für Stück an Einfluss verlor. Umgekehrt haben dort Menschenrechtler auf Brüsseler Rückenwind für die demokratische Umgestaltung der Gesellschaft gehofft. Allerdings machte man sich in dieser Hinsicht auch keine Illusionen. Die EU will uns nicht, ist schon seit längerem sowohl bei türkischen Befürwortern als auch Gegnern des Beitritts eine verbreitete Stimmung. Die aktuellen Signale aus Brüssel scheinen ihr Recht zu geben. Denn gleichzeitig wurde betont, dass mit der Aufnahme der beiden Staaten die Vergrößerung der EU erst einmal abgeschlossen ist. Die Gemeinschaft müsse sich jetzt ihrer inneren Verfassung widmen und über ihre Perspektiven diskutieren. Damit trifft sie die Stimmung auch vieler Menschen in den alten EU-Ländern. Nach der Ablehnung einer gemeinsamen Verfassung in Frankreich und den Niederlande im letzten Jahr ist politischer Stillstand eingetreten. Besonders ein möglicher Beitritt der Türkei mit seiner größtenteils moslemischen Bevölkerung weckt teilweise irrationale Ängste. So ist für das Land an eine konkrete Beitrittsperspektive nicht zu denken. Zumindesten hier dürfte sich daher kein akuter neuer Streitpunkt für die große Koalition in Berlin entwickeln, wenn Berlin im nächsten Jahr turnusgemäß den EU-Vorsitz übernimmt. Bekanntlich hat die SPD immer für eine schnelle Beitrittsperspektive der Türkei plädiert, während die Union für privilegierte Beziehungen statt einer Mitgliedschaft eintritt. Dieses Modell wurde von der Türkei bisher abgelehnt. Allerdings könnte sich das bei schwindender Chance einer baldigen Mitgliedschaft ändern. Selbst erklärte EU-Befürworter in der gegenwärtigen türkischen Regierung haben mittlerweile deutlich gemacht, dass es für die Türkei auch eine Perspektive außerhalb der EU gibt. In Brüssel hoffen sicher nicht wenige, dass die Türkei selbst das Interesse an der EU verliert.
LINKS
(1) http://europa.eu/rapid/pressReleasesAction.do?reference=SPEECH/06/533&fo rmat=HTML&aged=0&language=EN&guiLanguage=en (2) http://www.ftd.de/politik/europa/110369.html (3) http://www.telepolis.de/r4/artikel/23/23615/1.html (4) http://www.euractiv.com/de/erweiterung/eu-beitritt-tuerkei-zypern-frage/ article-136199 |