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MieterEcho 318/Oktober 2006Eine "besonders preisgünstige" Gegend?
(Soziale) Stadterneuerung und ihre Grenzen
Peter Nowak
"Terror am Boxhagener Platz" lautete die Schlagzeile der Friedrichshainer Lokalausgabe des Gratisblatts "Berliner Woche" vom 23.08.2006. So martialisch wie die Überschrift war der gesamte Artikel gehalten. Demnach regiere rund um den Boxhagener Platz nackte Gewalt, die von einer sogenannten "Stress-Brigade" verursacht werde, die den Platz unter ihrer Kontrolle habe. Zeugen würden eingeschüchtert und viele Anwohner trauten sich gar nicht mehr auf den Platz, hieß es in dem Blatt.
Auf einer vom Quartiersmanagement am 05.09.2006 einberufenen Kiezversammlung in der Nähe des Boxhagener Platzes ging es hoch her. Im überfüllten Versammlungsraum meldeten sich auch die als "Stress-Brigade" gescholtenen Benutzer des Platzes zu Wort. Wie alle übrigen Anwesenden wollten sie die realen Probleme rund um den Boxhagener Platz keineswegs beschönigen. Es komme zu Streitereien, hässlichen Auseinandersetzungen und auch Gewalt sei da gelegentlich im Spiel, aber die Art und Weise der medialen Auseinandersetzung stieß bei ihnen auf wenig Verständnis. "Schlechte Presseartikel sind wir gewohnt, aber so etwas ist selbst uns zu viel", machte ein Mann, der sich mit Günther vorstellte, seinem Ärger Luft. Er gehört zu den Menschen, die sich zumindest in der wärmeren Jahreszeit rund um den Boxhagener Platz versammeln. Sie befürchten, bald von dem Platz vertrieben zu werden.
Vergleiche mit dem Helmholtzplatz
"Denkt an den Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg", meinte eine Frau während der Versammlung. "Vor mehr als zehn Jahren gab es dort auch eine große Medienkampagne über ungesetzliche Zustände auf dem Platz. Gleichzeitig wurde immer wieder betont, dass niemand vertrieben werden soll. Doch faktisch ist heute von den damaligen Platznutzern kaum jemand mehr dort zu finden." Auch damals wurde der Alkoholkonsum auf dem Platz zum Problem Nr. 1 erklärt, während gleichzeitig in der Umgebung die Restaurants nur so aus dem Boden schossen. So weit ist es am Boxhagener Platz noch nicht, doch die Tendenz ist unverkennbar. Im Quartier wohnen mittlerweile zahlreiche gutbetuchte Mieter/innen und Besitzer/innen von Eigentumswohnungen. Auch ist die Gegend eine angesagte Touristenmeile. Schließlich wird der Boxhagener Platz in Werbeflyern, die in Billigfluglinien verteilt werden, als einer der drei Plätze vorgestellt, die man in Berlin unbedingt gesehen haben muss. Als "besonders preisgünstig" wird die Gegend den erlebnishungrigen Berlin-Urlaubern schmackhaft gemacht.
Soziale Infrastruktur vernachlässigt
Deshalb fürchten auch Kiezaktivist/innen eine Entwicklung wie in Prenzlauer Berg. Michael Breitkopf und Heike Weingarten von der Betroffenenvertretung Warschauer Straße und der Bürgerinitiative UBI KLiZ e.V. warnen vor einer falschen Gewichtung: "Es greift zu kurz, Probleme wie z.B. das Verhalten der 'Stress-Brigade' als isoliertes Phänomen zu betrachten und als solches einer irgendwie gearteten Bearbeitung ‚rund um den Boxhagener Platz' zuzuführen", schrieben sie in einer Presseerklärung am 06.09.2006. Für die Kiezaktivist/innen sind ein hoher, dauerhaft unter der Armutsgrenze gedrückter Bevölkerungsanteil, der Rückzug des Staates aus der Daseinsfürsorge und eine falsche Stadtsanierung die Kernprobleme. So seien die Finanzen vorrangig in die Sanierung von Immobilien geflossen, während die Sanierung des öffentlichen Raums verspätet und nur teilweise erfolgt sei. Mit dem absehbaren Ende der Milieuschutzgebiete auch um den Boxhagener Platz werden die Finanzmittel spürbar zurückgehen. "Die Sanierung der sozialen und ökologischen Infrastrukturen bleibt auf der Strecke", befürchten Breithaupt und Weingarten.