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ND20.10.06 Sind Blogger Lohndrücker?
Von Peter Nowak
Heute schon gebloggt? Die technischen Möglichkeiten des Internet und damit auch die Zahl der »Blogger« haben in den letzten Jahren enorm zugenommen. Die Tendenz ist weiterhin steigend. Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di sieht schon ein Heer von Billigjournalisten am Werk.
Solche gewerkschaftlichen Sorgen sind nicht ganz unbegründet. Viele zu sogenannten »Bürgerjournalisten« geadelte Blogger verlangen kein Honorar für ihre Fotos oder Texte – und fungieren so als Zulieferer für kostenfreies Rohmaterial. Das kann Folgen haben für die ganze Branche. »Warum teures Geld für professionelle Journalisten ausgeben, wenn doch der nutzergenerierte Inhalte vergleichsweise kostengünstig akquiriert werden kann?«, fragt Christoph Bieber plakativ in einem Beitrag für das Onlinemagazin Telepolis.
Es ist die ureigenste Aufgabe einer Gewerkschaft, Versuchen von Zeitungsredaktionen entgegenzutreten, unter dem Deckmantel des »Bürgerjournalismus« Löhne zu senken und Stellen abzubauen. Doch dabei bleibt die Kritik von ver.di nicht stehen. Sie sieht den Berufsstand des Journalisten insgesamt in Gefahr.
»Ist der gut ausgebildete, professionelle Journalist ein Auslaufmodell?« Fragt etwa Günther Herkel in der aktuellen Mitgliedschaftszeitung »M« mit Blick auf den um sich greifenden Bürgerjournalismus. Eine Wortschöpfung, die die verantwortliche M-Redakteurin Karin Wenk erst nicht gelten lassen will. »Zwar ist jeder Journalist ein Bürger – umgekehrt trifft das jedoch nicht zu«, meint sie mit Verweis auf die gesellschaftliche Funktion von Medien und Journalisten.
Hier hält die Gewerkschaft das Idealbild eines Berufsstandes hoch, das längst nicht mehr zeitgemäß ist. Der Übergang zwischen Medienaktivismus und professionellem Journalismus ist fließend geworden. Nicht wenige Journalisten haben bei den verschiedenen Spielarten des Bürgerjournalismus, wozu auch die linke Internetplattform Indymedia gehört, ihre berufliche Laufbahn begonnen. Sie machen ihren Job bestimmt nicht prinzipiell schlechter als Absolventen der Henri-Nannen-Schule. Dass Paparazzismus eher mit der Boulevardpresse als mit Bürgerjournalismus zu tun hat, dürfte auch Gewerkschaftern einleuchten.
Die sollten sich mal Gedanken über eine große Organisierungskampagne für Blogger und Bürgerjournalisten machen. Die Bedingungen sind so schlecht nicht. Mittlerweile regt sich auch in Blogger- und Bürgerjournalistenkreisen erster Widerstand gegen ihre unfreiwillige Rolle als Billigjournalisten.
Der Autor ist freier Journalist und Gewerkschafter in Berlin