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telepolis 15.06.2006 Eifrige Beobachter Peter Nowak Die Berliner Spitzeläffäre schadet vor allem der Linkspartei im Wahlkampf Professor für Zivilcourage wird er ebenso so genannt wie Protestmentor. Bei vielen sozialen Protesten ist der Berliner Teilzeitprofessor für Politologie Peter Grottian (1) an führender Stelle vertreten. Schon mehrmals bekam er deswegen Strafbefehle und sogar mit seinem Rausschmiss wurde schon gedroht. So war es eigentlich auch nicht verwunderlich, dass sich auch die Geheimdienstbehörden für den engagierten Wissenschaftler interessieren. Am vergangenen Wochenende wurden die Vermutungen dann bestätigt. Gleich zwei Dienste zeigten Interesse an Grottian und seinem Umfeld. Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz (2) und der Berliner Dependance (3) der Spitzelbehörde leiteten (4) Diskussionspapiere Grottians an die Behörden weiter. Diese Behörden schickten ihre Mitarbeiter auch in das Berliner Sozialforum (5), in dem Grottian mitarbeitete. Das 2003 gegründete Netzwerk verschiedenster Berliner Gruppen und Initiativen orientiert sich an einem Politikmodell, das ausgehend von den Zapatisten in Südmexiko und dem Anwachsen der globalisierungskritischen Bewegung um die Jahrtausendwende neue Wege aus der Krise der Linken suchten wollte. Zu den Grundsätzen der sowohl auf kontinentaler (6) als auch auf weltweiter (7) Ebene agierenden Sozialforen gehören Transparenz, horizontale Politikformen und zivilgesellschaftliches Engagement. Wer wissen sollte, was im Sozialforum diskutiert wird, brauchte daher nur auf die Website der Initiative die regelmäßigen Protokolle nachlesen, wie das Sozialforum in einer Presseerklärung (8) mitteilt. Aber darum ging es natürlich den Spitzeldiensten nicht. Sie dürfte schon eher interessiert haben, welche Personen oder Gruppen Initiativen im Plenum einbringen, wer Aktivitäten angestoßen hat und wie sich der Kreis der beteiligten Gruppen zusammensetzte. Denn schließlich reichte das politische Spektrum von Gewerkschaften und sozialen Initiativen bis zu Aktivisten aus dem autonomen Spektrum. Berlins Innensenator Körting erklärte denn auch im Berliner Abgeordnetenhaus, nicht Grottian, sondern diese linken Gruppen seien der Grund für die Überwachung. Der Innensenator hatte schon im Herbst 2003 verhindert, dass das Bezirksamt des Berliner Stadtteils Neukölln mit einer Initiative des Sozialforums den Vertrag für die Errichtung eines sozialen Zentrums in einer stillgelegten Schule des Stadtteils unterzeichnet. Auch damals begründete Körting dies mit dem Argument, am Sozialforum würden sich auch linksextreme Kräfte beteiligen. Die Argumentation des Innensenators, der Verfassungsschutz habe nur Autonome, nicht aber Grottian und das Sozialforum als ganzes beobachten wollen (9), ist logisch schwer nachzuvollziehen. Schließlich gibt es beim Sozialforum keine kommunistische Plattform oder eine AG "Autonome". Das heißt, gerade wenn sie den Einfluss und das Agieren vermeintlicher radikaler Linker beobachten wollten, stand das gesamte Sozialforum im Visier. Verlierer Linkspartei Trotzdem gab sich der Spitzenkandidat der Linkspartei bei den Berliner Abgeordnetenhauswahlen und der heutige Wirtschaftssenator Harald Wolf (10) mit dieser Erklärung zufrieden. Damit aber hat die Partei ein Problem mehr, denn eigentlich fordert sie die Abschaffung der Geheimdienste. Das habe sie aus ihrer Geschichte gelernt, lautet der Zusatz immer, wenn ihr die Verantwortung für die DDR-Bespitzelung entgegen gehalten wird. Wolf hat nun neben vielen anderen programmatischen Grundlagen auch diesen Beschluss ignoriert, wenn es für ihn offenbar ganz in Ordnung ist, dass der Verfassungsschutz Teile der außerparlamentarischen Bewegung der Stadt ins Visier nimmt. Doch mehr noch als seine in Berlin mittlerweile mehrheitlich auf Linie gebrachte Partei muss Wolf die verschiedenen Konkurrenten fürchten. Denn trotz allen Zweckoptimismus beim Landesparteitag am vergangenen Wochenende muss sich die Linkspartei in Berlin auf harte Zeiten einstellen. So sieht sie es mittlerweile als Erfolg, wenn sie knapp zwei Drittel ihrer früheren Wähler halten kann. So lautet denn das Wahlziel 17 % plus. Wahrscheinlich wird daraus ein Minus. Denn die Partei ist auf allen Ebenen in der Defensive. Sozialpolitisch wird ihr die WASG in den nächsten Monaten einen harten Schlagabtausch liefern und ihr die Beteiligung an sozialen Kürzungen und den Austritt aus der Tarifgemeinschaft der Länder vorhalten. Trotz aller Bemühungen konnte es die Linkspartei nicht verhindern, dass die Berliner WASG (11) eigenständig zur Wahl antritt. Jetzt werden ihr die Grünen auf bürgerrechtlichem Gebiet noch zusätzlich Konkurrenz machen. Deren Fraktionsvorsitzender, der Rechtsanwalt Volker Ratzmann (12) hat schon erklärt, dass für ihn der Spitzelskandal keineswegs erledigt ist. Er fordert weitere Akteneinsicht und dürfte die Koalition in dieser Frage noch länger auf Trab halten. Als ein Menetekel kann gelten, dass die auch bei Flüchtlingsorganisationen angesehene migrationspolitische Sprecherin der Berliner Linkspartei Karin Hopfmann (13) kürzlich von ihren Posten zurücktrat (14). Sie hatte eingesehen, dass ihre Partei zwar an der Regierung war, aber keine Macht hatte, um die Duldung von jahrelang in Stadt lebenden Kurden zu erreichen. Schon machen Vermutungen die Runde, ob diejenigen, die den Spiegel über die Beobachtung des Sozialforums informierten, nicht genau auf diese Weise in den Berliner Wahlkampf eingreifen wollten. Schließlich soll (15) schon zu Zeiten des SPD-AL-Senats die Berliner Polizeiführung eigenmächtig gehandelt haben, um der ungeliebten Koalition zu schaden. Beweisen ließ sich das nie. Die Aktivisten des Sozialforums wollen in den nächsten Tagen über ihr weiteres Vorgehen beraten. Aber schon machen sie deutlich, dass sie sich nicht auseinanderdividieren lassen wollen. Trotzdem wird es nicht einfach sein, einfach so weiter zu machen wie bisher. Denn noch ist die Identität der mindestens zwei Informanten der Geheimdienste nicht bekannt. Klar ist nur, dass sie längere Zeit kontinuierlich mitgearbeitet haben müssen.
LINKS
(1) http://www.polwiss.fu-berlin.de/people/grottian/ (2) http://www.verfassungsschutz.de/ (3) http://www.berlin.de/sen/inneres/verfassungsschutz/index.html (4) http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,420625,00.html (5) http://www.socialforum-berlin.org (6) http://www.sfid.info/e_sf/print.html (7) http://www.weltsozialforum.de (8) http://www.sozialforum-berlin.de/modules.php?op=modload&name=News&file=a rticle&sid=286&mode=thread&order=0&thold=0 (9) http://www.taz.de/pt/2006/06/14/a0246.1/text.ges,1 (10) http://www.berlin.de/sen/waf/struktur/wolf.html (11) http://www.wasg-berlin.de/ (12) http://www.gruene-fraktion-berlin.de/cms/default/dok/1/1401.volker_ratzm ann.htm (13) http://www.pds-berlin.de/wahlen/kandidaten/d11_7.html (14) http://www.pro-asyl.info/index.php?id=104&tx_ttnews[tt_news]=419&tx_ttne ws[backPid]=96&cHash=a4e24e6e57 (15) http://www.taz.de/pt/2002/04/29/a0229.1/text |