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telepolis vom 20.10.06Daumenschrauben aus Karlsruhe Peter Nowak Der Richterspruch zum Abbau des Berliner Schuldenbergs kann auch Auswirkungen auf die politische Landschaft in Berlin haben Wer dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts (1) applaudieren würde, war schon vor dem Richterspruch klar. Das wirtschaftsnahe Handelsblatt wählte das Zitat eines ehemaligen Bundesverfassungsrichters zur Überschrift: "Legt Berlin Daumenschrauben an", titelte es in der Donnerstagsausgabe (2). Die Entscheidung aus Karlsruhe folgt dieser Aufforderung auf ganzer Linie. Das Land Berlin wollte vor Gericht erreichen, dass der Bund einen Teil der auf ca. 60 Milliarden bezifferten Schuldenlast übernimmt. Die Landesvertreter begründeten das Ansinnen mit einer "extremen Haushaltslage", die das Land aus eigener Kraft nicht bewältigen könne. Die Schulden seien aus der besonderen Situation der ehemals geteilten Stadt entstanden, wurde von den Vertretern des Landes Berlin zur Unterstreichung der Ansprüche weiter argumentiert. Die Richter kamen bei ihrer Entscheidung (3) zu dem Schluss, dass es in Berlin keinen akuten Finanznotstand gäbe, was sie aus verschiedenen wirtschaftlichen Indikatoren herleiteten. Außerdem habe die Landesregierung noch genügend Spielraum bei der Haushaltssanierung. Im Kern ging es dabei um die Frage, wie der Lastenfinanzausgleich zwischen den Bundesländern geregelt ist. Darüber gibt es innerhalb der viel strapazierten Deutschland AG immer wieder Streit zwischen den Geber- und den Nehmerländern. In den letzten Jahren hat die Debatte einen eindeutig politischen Anstrich bekommen. So haben Unionsvertreter aus den reichen Südstaaten Bayern und Baden-Württemberg nach Wahlerfolgen der damaligen PDS in den ostdeutschen Bundesländern schon mal laut darüber nach gedacht, ob das der Dank für die Finanzhilfen aus den Westen sei. Im gegenwärtigen Streit stand das von der SPD/Linkspartei regierte Berlin abermals den konservativen Südstaaten und dem ebenfalls konservativ-liberal regierten NRW gegenüber. Die Finanzminister dieser Länder haben sich dann auch sofort sehr zufrieden mit dem Richterspruch gezeigt. Zwang zum Neoliberalismus Die Karlsruher Entscheidung bedeutet eine eindeutige Absage an eine Solidarität zwischen den Bundesstaaten und erhebt das Primat eines konsolidierten Haushaltes zum ersten Grundsatz des Regierungshandelns. Was das für Berlin in Zukunft bedeutet, haben die Richter selber in ihrer Urteilsbegründung angesprochen. Berlin besitze noch kommunales Wohneigentum, das nach dem Vorbild von Freiburg oder Dresden zum Zwecke der Haushaltskonsolidierung veräußert werden könne. "Hierbei ist auch der landeseigene Wohnungsbestand in den Blick zu nehmen, dessen möglichen Veräußerungserlös der Senat mit etwa 5 Mrd. ¤ ansetzt", heißt es in dem Urteil. Auch weitere Sozialkürzungen wurden von Karlsruhe angeregt. Neben Kultur, Wohnungswesen und Gesundheit, Umwelt und Sport sprachen die Richter explizit die Sozialausgaben an. Die Mehrausgaben für "Soziale Sicherung" - laut Gericht 870 Millionen Euro jährlich im Vergleich zu Hamburg - können an den vielen Bedürftigen in Berlin "oder auf einer großzügigeren Gewährungspraxis" liegen. Außerdem wurden die Berliner Regierenden daran erinnert, dass Berlin drei Hochschulen besitze. Studiengebühren würden da auch manches Haushaltsloch stopfen. Damit könnte der Albtraum mancher Studierender schneller als gedacht Realität werden. Die haben in weiser Voraussicht ein Bündnis gegen die Studiengebühren (4) gegründet und sich mit entsprechenden Forderungen in aktuellen Koalitionsverhandlungen zwischen Linkspartei und SPD eingemischt. Koalition auf der Kippe? Das Urteil könnte auch Auswirkungen auf den Fortgang dieser Gespräche haben. Die Linkspartei hat bekanntlich bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus eine herbe Niederlage erlitten. An der Basis ist das Primat der Haushaltskonsolidierung nicht unbedingt auf Zustimmung gestoßen. Die aus Reformern bestehende Parteispitze des Berliner Landesverbandes hat den Kurs mit der Haushaltslage begründet. Außerdem wurden die Kritiker immer wieder daran erinnert, dass diese Politik wegen der Klage in Karlsruhe notwendig sei. Nur wenn das Land überzeugend nachweisen könne, dass es sich aus eigener Kraft um Schuldenabbau bemühe, habe die Klage überhaupt Aussicht auf Erfolg. Wenn es dann ein positives Urteil gibt, werde der Spielraum für die angemahnten sozialen Reformen größer, wurde die Parteibasis vertröstet. Als Nahziele hatten sich sowohl SPD wie auch Linkspartei die Abschaffung der Kitagebühren und die Beibehaltung einer Gebührenfreiheit des Studiums vorgenommen. Das Gericht hat diese Bemühungen Berlins in keiner Weise gewürdigt. Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin wird jetzt weitere Einsparungen und Privatisierungen als unabdingbar (5) hinstellen. In weiser Voraussicht hat sich Klaus Wowereit für die Linkspartei als Koalitionspartner auch für die nächste Legislaturperiode entschieden und den heftig mit den Hufen scharrenden Grünen einen Korb gegeben. Schließlich hat der Regierende Bürgermeister schon in den letzten vier Jahren erkannt, dass eine in die Regierung eingebundene Linkspartei sich nicht an die Spitze von Sozialprotesten setzen kann. Die aber sind zu erwarten, falls nur ein Teil der Maßnahmen in Berlin umgesetzt werden sollte, die die Richter anmahnen. Das Berliner Bündnis gegen Privatisierung (6) hat denn auch die künftige Berliner Regierung in einer Pressemitteilung gewarnt, das Karlsruher Urteil zur Legitimation für weiteren Sozialabbau und Privatisierungen zu nehmen. Ob die Linkspartei weiterhin Teil einer Regierung sein will, die im Grunde keinerlei Gestaltungsspielraum besitzt und alles das umsetzen soll, was sie verbal ablehnt, ist fraglich. Selbst wenn die Parteispitze mit dem Verweis, weiterhin die schlimmsten sozialen Grausamkeiten zu mildern, für ein Mitregieren plädiert, hat eine solche Entscheidung auch bundespolitische Relevanz. Der Einigungsprozess zwischen WASG und Linkspartei ist davon unmittelbar betroffen. Die WASG-Spitze machte in erst kürzlich in einem Brief (7) an die Berliner Linkspartei ihre Erwartungen deutlich. Eine Mitverantwortung für weitere Privatisierungen hält sie für kontraproduktiv und wird dabei von vielen außerparlamentarischen Initiativen unterstützt (8). Die moderate Antwort (9) der Angesprochenen zeigt, dass selbst bei den stärksten Koalitionsbefürwortern nachdenklich geworden sind. Schon werden Forderungen laut, einen ausgehandelten Koalitionsvertrag einer Befragung der Parteibasis zu unterziehen. Wenn aber die Linkspartei als Koalitionspartner ausfallen sollte, ist auch der gerade als SPD-Hoffnungsträger gefeierte Klaus Wowereit düpiert. Die Grünen haben schon deutlich gemacht, dass sie als zweite Wahl nicht so billig wie die Linkspartie zu haben sind. Andererseits könnten beide Parteien wichtige Erfahrungen einbringen. Schließlich hat Freiburg seinen Wohnungsbestand unter einem grünen Stadtoberhaupt veräußert und in Dresden hat ein Teil der Linkspartei ebenfalls für den Verkauf ihres städtischen Wohneigentums gestimmt.
LINKS
(1) http://www.bundesverfassungsgericht.de/pressemitteilungen/bvg06-096 (2) http://www.handelsblatt.com/news/Politik/Deutschland/_pv/_p/200050/_t/ft /_b/1151904/default.aspx/legt-berlin-daumenschrauben-an!.html (3) http://www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/fs20061019_2bvf000 303.html (4) http://www.freie-bildung-berlin.de/ (5) http://www.tagesspiegel.de/berlin/archiv/17.10.2006/2840258.asp (6) http://www.bmgev.de/privatisierung/index.html (7) http://www.jungewelt.de/2006/10-12/042.php?sstr= (8) http://www.rosalux.de/cms/index.php?id=ppg&no_cache=1&tx_ttnews%5Bcat%5D =48&cHash=44b6987c36 (9) http://www.jungewelt.de/2006/10-14/046.php |