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telepolis17.07.2006BILD auf Talfahrt
Horst Müller

BILD und das Schwesterblatt BILD am SONNTAG finden immer weniger Käufer
Wie aus der am Freitag von der IVW vorab veröffentlichten offiziellen
Auflagenstatistik für das zweite Quartal 2006 hervorgeht, verlor das
Boulevardblatt innerhalb eines Jahres über 160.000 tägliche Käufer.
Schade für führende Politiker - sie hatten sich gerade an ihr neues
"Leitmedium" gewöhnt.
Als Deutschland bei der Fußballweltmeisterschaft 1998 in Frankreich im
Viertelfinale gegen Außenseiter Kroatien ausschied, wollten noch über
4,6 Millionen Käufer wissen, was BILD von der Blamage hielt. Vier Jahre
später, als Oliver Kahn bei der WM in Fernost zum "Titan" ernannt
wurde, setzte das Blatt immerhin noch 4,2 Millionen Exemplare ab. Im
zweiten Quartal dieses Jahres waren es kaum noch 3,6 Millionen, trotz
der von BILD ausgerufenen "schwarz-rot-geilen" Wochen während der
Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land.
Über eine Million weniger Käufer
Tatsächlich wird das Auflagengefälle in dem sich BILD seit Jahren
befindet, immer steiler. Seit 1998 verlor das Blatt weit über eine
Million täglicher Käufer - das sind immerhin über 22 Prozent Rückgang.
Das sonntägliche Schwesterblatt büßte im gleichen Zeitraum sogar über
28 Prozent ein. Im zweiten Quartal 2006 wurde durchschnittlich nur
noch knapp 1,9 Millionen Mal zur "BamS" gegriffen.
Während führende Politiker in den vergangenen Jahren das Boulevardblatt
in den Stand eines "Leitmediums" erhoben hatten, ließen immer mehr
Deutsche BILD und "BamS" am Kiosk liegen. Vielleicht auch gerade
deswegen? Ex-Kanzler Gerhard Schröder räumte ganz unumwunden ein, dass
er morgens zuerst in das Massenblatt schaue, bevor er sich anderen
Zeitungen zuwende. Entsprechend setzte BILD Schröder und andere
Politiker regelmäßig unter Druck. Und das mit offensichtlichem Erfolg.
"Steuern runter!", forderte das Blatt im Juni 2004 und nach der
Hurrikan-Katastrophe von New Orleans Anfang September 2005 "Kanzler
rück den Billigsprit raus!" Die Steuern wurden gesenkt und staatliche
Ölreserven angezapft.
Exklusiver Dank der Kanzlerin
Nachfolgerin Angela Merkel hatte ehemals noch mit einem eigenen Beitrag
in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den politischen Absturz von
Helmut Kohl eingeleitet. Inzwischen verbreitet sie ihre Botschaften
lieber in BILD. Am Tag nach dem Ende der WM druckte das Blatt
"exklusiv" einen Brief der Kanzlerin ab, in der sie sich bei "Klinsi
und den Deutschen" für "eine phantastische Fußball-WM 2006" bedankte.
Andere Medien mussten BILD zitieren, um auch etwas von dem Dank der
Kanzlerin abzubekommen. Eine offizielle Pressemitteilung - wie früher
bei solchen Anlässen üblich - gab's diesmal nicht.
Vielleicht muss sich die Regierungschefin angesichts der negativen
Auflagenentwicklung und des zunehmenden Image-Verlustes des
Springer-Blattes bald ein neues Verlautbarungsorgan suchen.
Verantwortlich dafür, dass BILD zunehmend öffentlich blamiert wird, ist
nicht zuletzt der BILDblog (1). Angesichts der vielen Fehler,
Falschmeldungen und Verleumdungen, die die Journalisten Christoph
Schultheis und Stefan Niggemeier mit Unterstützung "freiwilliger
Helfer" tagtäglich in BILD finden und in ihrem Blog veröffentlichen,
sah sich Chefredakteur Kai Diekmann inzwischen gar gezwungen, eine
"Korrekturspalte" im Blatt einzuführen. Seine Begründung:
--BILD ist eine große und schnelle Zeitung, die auf ein Netzwerk von
rund tausend Journalisten zurückgreift. Und wo Menschen arbeiten,
passieren auch Fehler. In der Korrekturspalte sollen diese schnell und
unkompliziert berichtigt werden.--
Trendwende nicht in Sicht
Zur eigenen Auflagenentwicklung schweigen indes Diekmann und auch die
Springer-Pressestelle, zumal auch die Einführung neuer Vertriebswege
wie der Verkauf in vielen McDonald's-Filialen die anhaltende Talfahrt
nicht stoppen konnte. Eine Trendwende scheint nicht in Sicht, nicht
einmal rechnerisch. Die Fortschreibung der Auflagenentwicklung von 1998
bis 2006 mit der Trend-Funktion des Kalkulationsprogramms "Excel" führt
zum Ergebnis, dass BILD Ende 2032 überhaupt keinen Käufer mehr fände.
BILD am SONNTAG würde das Schicksal sogar schon acht Jahre früher
ereilen.

LINKS

(1) http://www.bildblog.de/