|
ND14.02.06 Atomlobby setzt auf Trippelschritte Eher geringe Erwartungen an Energiegipfel Von Peter Nowak Der jetzt laut gewordene Ruf nach dem Neubau von Atomkraftwerken in Deutschland darf nicht verdecken, dass die AKW-Lobby mit kleinen Schritten zum Ziel kommen will. Die vom hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) vom Zaun gebrochene Debatte nimmt mittlerweile bizarre Züge an. »Ich fordere Koch auf, noch vor den hessischen Kommunalwahlen zu sagen, an welchem Standort in Hessen er ein neues Kernkraftwerk bauen lassen will und wo er das dazugehörige Endlager haben möchte«, sagte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel. Anlass der Kontroverse ist Kochs Rede vor dem Deutschen Atomforum in Berlin in der vergangenen Woche. Dabei hatte er die Stromkonzerne aufgefordert, über Anträge für den Neubau von AKW nachzudenken. Damit würde das im rot-grünen Energiekonsens mit den Energiekonzernen festgehaltene Verbot infrage gestellt. Danach schlugen die Wellen hoch. Kochs Äußerungen dürften jedoch eher ein Ablenkungsmanöver gewesen sein. Derzeit geht es der Atomlobby nicht um neue AKW, sondern um kleine Schritte. Dies wurde auf dem Atomforum deutlich, wo sich die Teilnehmer einig waren: »Wenigstens sind wir Trittin los.« Der grüne Ex-Umweltminister war lange der Buhmann, wie auch der nicht gerade originelle Kalauer von ThyssenKrupp-Vorstandschef Ekkehard Schulz deutlich machte: »Die Farbe der Arbeitslosigkeit ist Grün.« Dafür gab es spontanen Applaus. Doch auch nach Trittins Abgang herrschte nicht gerade Euphorie auf dem Atomforum. Nachfolger Gabriel, der den rot-grünen Atomkompromiss bislang verteidigt, gilt auch als Problem. Der Präsident des Atomforums, Walter Hohlefelder, sprach bedauernd von »antinuklearen Genen einer großen Volkspartei«. Daher halten sich die Erwartungen an den im April geplanten Energiegipfel der großen Koalition in Grenzen. Die Kernenergie dürfe bei dem Treffen nicht ausgespart werden, so Hohlefelders Minimalforderung. Jan Zilius von der RWE Power AG riet denn auch, sich in der Öffentlichkeit nicht gegen den Atomkompromiss zu stellen, der schließlich die Unterschrift der Energiekonzerne trage. Mit Blick auf die eigentlich in dieser Legislaturperiode anstehende Abschaltung des hessischen Reaktors Biblis A empfahl er, alle Möglichkeiten des Gesetzes zu nutzen. Laut einem Pressebericht soll Zilius vor Bundestagsabgeordneten einen Antrag auf Laufzeitverlängerung angekündigt haben. An einer weiteren Front sah man beim Atomforum Fortschritte. Demnächst soll in München wieder ein Lehrstuhl für Kernforschung in Deutschland eingerichtet werden. Allerdings sei es noch nicht gelungen, in Deutschland einen Ordinarius zu finden, so dass man mit Wissenschaftlern aus dem Ausland verhandele, monierte Hohlefelder. Derzeit gibt es zwar reichlich Zuspruch aus der Politik für die Atomlobby, doch der beschränkt sich auf die üblichen Verdächtigen. Über Kochs Vorpreschen ging man auch in den Tagungspausen des Atomforums schnell hinweg. Der AKW-Lobby ist natürlich bewusst, dass der ungeliebte Atomkonsens einen Teil des starken Anti-AKW-Protestpotenzials ruhig gestellt hat. Gleichwohl könnte eine Debatte über Kochs Maximalforderung der Atomlobby helfen - etwa wenn die gewünschten Trippelschritte gar nicht mehr erwähnt werden. Tatsächlich sorgte die aktuelle Forderung des saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller (CDU), in dieser Legislaturperiode kein AKW abzuschalten, für keine Aufregung. |