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ND vom 23.01.06 Menschenrechtler verkaufen sich nicht für einen Satelliten Argentinische Regierung verschleppt Untersuchungskommission zu verschwundenen Mercedes-Betriebsräten Von Peter Nowak Über 30000 Menschen sind während der argentinischen Militärdiktatur verschwunden: Studenten, Gewerkschaftler, Stadtteilaktivisten. Nur in wenigen Fällen wurden die Verantwortlichen für die Verbrechen zur Rechenschaft gezogen. Menschenrechtler und Angehörige der Verschwundenen hatten in der letzten Zeit die Hoffnung, dass nach 30 Jahren zumindest einige der Verbrechen dem Vergessen entrissen werden könnten. Der Fall der 14 verschleppten Betriebsräte von Mercedes-Benz-Argentinia sorgte international für Aufsehen. Die Gewerkschafter sind während der Militärdiktatur in Argentinien an ihrem Arbeitsplatz verhaftet worden und danach nicht mehr aufgetaucht. Überlebende berichteten, dass leitende Angestellte und Manager mit den Militärs kooperierten und sogar die Festnahmen veranlasst haben könnten. Gegen den Mercedes-Produktionschef Juan Tasselkraut wurde gar der Vorwurf erhoben, er habe Kinder von zuvor ermordeten politischen Aktivisten adoptiert. In der Folgezeit wurden Filme über diesen Fall gedreht, Bücher geschrieben, internationale Juristen- und Menschenrechtsorganisationen begannen sich für die Angelegenheit zu interessieren. Zudem sorgte der peronistische argentinische Präsident Nestor Kirchner für Hoffnung. Nach seiner Amtseinführung pflegte er einen neuen Diskurs, prangerte die Verbrechen der Militärs wortgewaltig an, versprach Aufklärung und lud Angehörigenorganisationen in den Präsidentenpalast ein. Selbst Hebe de Bonafini von den Madres de Plaza de Mayo, die mit ihrer kompromisslosen Forderung nach Aufklärung zu einem Symbol der Unbeugsamen geworden war, konzedierte Kirchner, dass er es ehrlich meine mit der Aufarbeitung der Vergangenheit. Doch jetzt fürchten die Menschenrechtler, abermals enttäuscht zu werden. Denn Kirchner hat seine Versprechungen nicht eingehalten. Dazu gehört die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses, der die Hintergründe der Verschleppung der Mercedes-Gewerkschaftler ausleuchten sollte. Ein Sonderstaatsanwalt sollte speziell wegen der Vorwürfe gegen die Firmenleitung ermitteln. Doch bei den Versprechungen des Präsidenten ist es geblieben. Weder wurde der Ausschuss eingerichtet noch ein Staatsanwalt für die Untersuchungen ernannt. Jetzt beginnen die Menschenrechtler die Geduld zu verlieren. »Die Menschenrechtler verkaufen sich nicht für einen Satelliten«, ist ein Flugblatt überschrieben, mit dem sie gegen die Verschleppung der Aufarbeitung protestieren. Der Titel deutet schon an, dass wirtschaftliche Gründe hinter der mangelnden Aufarbeitungsbereitschaft stehen. Die Lateinamerikaexpertin Gaby Weber, deren Recherche wesentlich zur internationalen Bekanntheit des Falls beigetragen hat, erläutert die komplizierten wirtschaftlichen Verflechtungen. »Indirekt ist Daimler-Chrysler, die Mercedes-Mutter, an einer Klage gegen die argentinische Regierung vor dem Schiedsgericht der Weltbank für die Beilegung von Investitions-streitigkeiten (ICSID) beteiligt. Denn der Konzern hält 30 Prozent an der European Aeronautik Defense und ist an der Space-Company (EADS) beteiligt. Die wiederum kontrolliert die argentinische Gesellschaft Nahuelsat, die den einzigen Satelliten des Landes, Nahuel I, betreibt. Fällt er aus, bricht die Kommunikation zusammen.« Bei der Klage geht es um Schulden des argentinischen Staates, die Nahuelsat eintreiben will, und um die Beteiligung am Bau eines zweiten Satelliten in Argentinien. Die argentinische Regierung drängt auf eine Rücknahme der Klage und will dafür ein freundliches Klima schaffen. Eine Aufarbeitung der Verstrickung von Mercedes-Managern in die Verbrechen der Militärdiktatur scheint eine solche Klimaverbesserung eher zu verhindern. So drohen die Anliegen der Überlebenden und ihrer Angehörigen wieder einmal den Wirtschaftsinteressen geopfert zu werden. Die Unterstützer der Militärdiktatur fühlen sich im Aufwind. Juan Alemann, Wirtschaftsminister während der argentinischen Militärdiktatur, rechtfertigte erst kürzlich in einem Gespräch mit einer deutschen Zeitung die Menschenrechtsverletzungen »als notwendig bei der Bekämpfung von Subversion und Kommunismus«. |