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telepolis vom 1.8.06Zentrum gegen Migration Peter Nowak Das kürzlich geschaffene "Gemeinsame Analyse- und Strategiezentrum illegale Migration" wird von Flüchtlingsorganisationen kritisch gesehen Die täglichen Schlagzeilen aus dem Nahen Osten haben andere Nachrichten in den Hintergrund gedrängt, die sonst sicherlich größeres Interesse gefunden hätten, z.B. das Sterben im Meer zwischen Afrika und Europa. So bezahlten auch am vergangenen Wochenende mindestens 30 Flüchtlinge ihre Sehnsucht nach Europa mit dem Leben. Nur weil in Malta und auf Lampedusa gestrandete Flüchtlinge über den Tod ihrer Mitreisenden berichteten, wurde die Tragödie bekannt (1). Doch auch den meisten Geretteten droht überwiegend die Abschiebung in ihre Heimatländer. Italien und Spanien stehen wegen ihrer geographischen Lage im Zentrum, wenn es darum geht, die afrikanischen Migranten fernzuhalten. Auf zahlreichen Konferenzen bekamen sie dafür von den übrigen europäischen Ländern, darunter Deutschland Rückendeckung. Da Deutschland zur Zeit bis auf die Schweiz keine direkten Grenzen mit Nicht-EU-Staaten hat, sieht man hier keine Bilder von erschöpften Migranten, die Schutz und Hilfe suchen. Das ist allerdings für die deutsche Politik kein Grund zur Entwarnung. Deutschland hat vielmehr erst kürzlich seine Logistik für die Flüchtlingsabwehr ausgeweitet (2). Vor einigen Wochen nahm das GASIM (3) mit 40 Mitarbeitern seine Arbeit auf. Das Kürzel steht für "Gemeinsame Analyse- und Strategiezentrum illegale Migration". Ein Sprecher des Bundesinnenministerium betont, dass hier keine neuen Aufgaben und Kompetenzen verteilt werden. Zweck der neuen Institution, die in den Treptowers an der Spree im Osten Berlins ihr Domizil hat, sei vielmehr der verbesserte Informationsaustausch unter den verschiedenen Behörden sowie die effektiverer Vernetzung. Innenstaatssekretär Henning prägte dafür das Bonmot, dass man der vernetzten Kriminalität vernetzte Behörden entgegenstellen müsse. Teilweise wurde mit noch derberen Schlagwörtern - wie Zentrum, das Schleuserbanden das Handwerk legen soll (4) - gearbeitet, um die Arbeit der neuen Superbehörde auf den Punkt zu bringen. Selbst die Tageszeitung spricht recht neutral vom neuen Zentrum gegen Visabetrug (5). Tatsächlich sind mit dem Bundeskriminalamt, der Bundespolizei, dem Auswärtigen Amt, der Finanzkontrolle Schwarzarbeit, dem Bundesnachrichtendienst, dem Verfassungsschutz sowie dem Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge die maßgeblichen staatlichen Organe, die mit den Flüchtlingen befasst sind, in der neuen Institution vertreten. Migration als Bedrohung Die Arbeitsgrundlage der neuen Behörde hat der Staatssekretär im Bundesinnenministeriums August Henning so beschrieben: --Die illegale Migration und die damit verbundene Kriminalität ist eine zentrale Herausforderung. Deutschland ist in beachtlichem Umfang von illegaler Migration betroffen. Die illegale Einreise nach Deutschland erfolgt auf vielfältige Weise, über die "grüne Grenze", versteckt in verschiedenen Verkehrsmitteln sowie scheinlegal durch Beschaffung oder Fälschung der notwendigen Reisedokumente wie Visa und Reisepässe.-- Flüchtlings- und Menschenrechtsorganisationen meldeten umgehend Kritik an und sehen in der neuen Superbehörde eher ein Zentrum zur Verhinderung von Migration. So sehen Pro Asyl (6) und Amnesty International (7) im GASIM ein weiteres Instrument zur Abschottung gegenüber Flüchtlingen. Besonders die in dem Statement des Staatssekretärs deutlich werdende Verknüpfung von Kriminalität und Migration wird vom AI-Migrationsexperten Wolfgang Grenz heftig kritisiert. Daher lehnt er auch die Einbettung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in das neue Zentrum vehement ab. Die Verhinderung von Migration habe bisher gerade nicht zu Aufgaben dieser Behörde gehört, so Grenz. Die Flüchtlingshilfeorganisation Pro Asyl moniert, dass hier das GASIM und die Bundesregierung ein falsches Bild von Migration zeichnen, indem sie mit Illegalität und Kriminalität in Verbindung bringen. Die Vorstellung, dass Schlepperorganisationen die illegale Einreise erst hervorrufen, wird von Flüchtlingsexperten schon lange kritisiert (8). Sie weisen (9) darauf hin, dass ein dichter werdendes Netz, das eine Einreise nach Europa immer schwieriger macht, zur gerade Herausbildung von Fluchthilfeorganisationen führe. Deshalb sei es auch ein Denkfehler, wenn man die Migration durch die Bekämpfung dieser Strukturen bekämpfen will. Solange die Lebensverhältnisse in vielen Ländern außerhalb Europas für viele Menschen unerträglich sind, werde es immer Menschen geben, die sich in Europa eine Existenz aufbauen wollen. Sie werden Mittel und Wege finden, um ihr Ziel zu erreichen. Diese These wird von einen Buch unter dem etwas reißerischen Titel Gestürmte Festung Europas (10) bestätigt, dassdie österreichische Journalistin Corinna Milborn (11) nach einem Besuch verschiedener westafrikanischer Länder, die als Zentren der Ausreise gelten, verfasste. Nicht etwa jugendliche Abenteuerlust, wie häufig behauptet, animiert junge Afrikaner zu ihrem gefahrvollen Transit nach Europa. Es ist vielmehr die ausweglose Situation ihrer Familie, die die ältesten Söhne nach dem Tod ihrer Väter als Verpflichtung empfinden, für ihre Angehörigen zu sorgen. Dafür nehmen sie all die Gefahren in Kauf. Das ist aber für die Politiker und die ihnen zuarbeitenden Institutionen wie das GASIM, die Migration in erster Linie als Problem der Kriminalität wahrnehmen, aber kein Thema.
LINKS
(1) http://www.welt.de/data/2006/07/30/979949.html (2) http://www.heise.de/newsticker/meldung/75573 (3) http://www.bmi.bund.de/cln_012/nn_122688/Internet/Content/Nachrichten/Pr essemitteilungen/2006/07/Gemeinsames__Analyse___20und__Strategiezentrum_ __20illegale__Migration__GASIM.html (4) http://www.dw-world.de/dw/article/0,2144,2099351,00.html (5) http://www.taz.de/pt/2006/07/18/a0073.1/text (6) http://www.proasyl.de/ (7) http://www.amnesty.de/ (8) http://www.migration-info.de/migration_und_bevoelkerung/archiv/ausgaben/ ausgabe9806.pdf (9) http://www.assoziation-a.de/neu/FFM-Heft_10:_AusgeLAGERt.htm (10) http://www.festungeuropa.net/ (11) http://www.milborn.net/ |