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 taz vom 15.4.06Haste mal 'ne Idee?
Die Freiräume für Wohnprojekte, Wagenburgen und Szenekneipen schwinden: Die
Alternativszene diskutiert bei den
2. Autoorganisationstagen noch bis Montag über ihre Sinnkrise - und
Möglichkeiten, wie man dieser begegnen kann
VON PETER NOWAK
Wer demnächst vor dem Supermarkt wieder mal nach Kleingeld gefragt wird,
könnte jetzt einfach schlagfertig antworten: "Na, noch nicht zu den
Effektiven SchnorrerInnen gewechselt?" Die fragen nämlich - statt sich die
Beine in den Bauch zu stehen oder zu frieren - bei Firmen und Geschäfte nach
Waren, die kurz vor dem Verfallsdatum stehen und sowieso weggeworfen werden.
Über diese Art modernen Schnorrens und seine Erfolgsaussichten diskutierte
am Donnerstag ein kleines Grüppchen in der Offenen Uni in lockerer Runde. Es
war eine der Veranstaltungen der 2. Autoorganisationstage, die noch bis
Montag dauern. Organisiert von selbst verwalteten Projekten, Kneipen und
Zentren geht es in den angebotenen Workshops und Arbeitsgruppen überwiegend
um Themen, die sich mit den Aufbau und Erhalt von Alternativprojekten
befassen.
Die Themenpalette reicht dabei vom Aufbau einer Umsonstökonomie über die
Arbeit in und mit Freien Radios bis zur Vorstellung einer
"antifaschistischen Stadtkommune" - ein Projekt, das derzeit im Nordosten
Berlins umgesetzt wird. Deren Mitglieder beteiligen sich auch an den wenigen
theoretischen Veranstaltungen im Rahmen der Tage. So wird in der "Kritik der
Esoterik" sicher nicht unerwähnt bleiben, dass dieses Phänomen auch in
alternativen Kreisen auf Zustimmung stößt. Ein weiterer Workshop stellt gar
das Konzept der alternativen Freiräume grundsätzlich in Frage. "Wohin haben
sich die einstmals besetzten Freiräume - nicht nur in Friedrichshain -
entwickelt? Doch wohl mehrheitlich zu alternativen Wohlfühlnischen statt zur
Infrastruktur eines gesellschaftlichen Widerstands", heißt es in der
Ankündigung.
Solche Grundsatzdebatten sind allerdings eher die Ausnahme. Überhaupt fällt
auf, dass die Welt jenseits der eigenen Szene nur in Form von
"Überwachungstechniken, privatisierten Räumen, Innenstadtverboten für
Randgruppen und zunehmender Individualisierung" zur Sprache kommt. Kämpfe
außerhalb der Szene werden nur am Rande erwähnt.
Auch bei der Beschäftigung mit den eigenen Strukturen dominiert
Ernüchterung: "Viele selbst organisierte Projekte und Strukturen kämpfen ums
Überleben. Wagenplätze, Hausprojekte, Sozial- und Kulturzentren, Infoläden
oder nichtkommerzielle Kneipen und Betriebe passen nicht so recht in die
Staatslogik", heißt es im Aufruf zu den Autoorganisationstagen.
Doch mehr noch als der wirtschaftliche und politische Druck macht den
Initiativen das Desinteresse in den eigenen Reihen zu schaffen. So erfreuen
sich die zahlreichen alternativen und unkommerziellen Kneipen und Vereine in
Friedrichshain in der Regel großer Beliebtheit. Doch als im vergangenen Jahr
zahlreiche dieser Projekte für eine Woche schlossen, um auf ihre drohende
Schließung durch immer neue Auflagen der Ordnungsämter hinzuweisen,
wechselten die meisten Besucher achselzuckend in die kommerziellen
Nachbarkneipen.
Auch die Autoorganisationstage selbst sind von der Sinnkrise der Bewegung
nicht verschont geblieben. Vor zwei Jahren, an Ostern 2004, fanden sie das
erste Mal statt - nach langer Vorbereitung und mit bundesweiten Anspruch.
Bei der Nachbereitung war man sich damals allerdings nicht einig, ob sie
eher ein Erfolg oder ein Flop waren.
Beim zweiten Mal macht man aus der organisatorischen Schwäche eine Tugend
und erklärte die Aktionstage gleich zum Praxistest in Sachen
Selbstorganisation. Die OrganisatorInnen sorgen nur für die Räume und die
allernotwendigste Infrastruktur. Wer Arbeitsgruppen oder Workshops anbieten
wollte, konnte die mit Hilfe eines Wikipedia-Programms selbst auf der
Internetseite
www.autoorganisaton.org eintragen.
Heute will man sich dann aber doch noch einmal den äußeren Gegnern zuwenden
und "für mehr linke Freiräume" demonstrieren. Der Treffpunkt ist die von
Räumung bedrohte Wagenburg Schwarzer Kanal in Mitte. Weitere selbst
organisierte Aktivitäten sind denkbar: Während der ersten
Autoorganisationstage wurden - wenn auch nur für Zeit - mehrere Häuser
besetzt.
Das Programm im Internet unter
www.autoorganisaton.org